Ein Schatz vom Turm der Burg Weißensee

Millionen im Knopf

AllgemeinBaugeschehenDenkmalpflegeKulturgeschichteSonderinvestitionsprogramm I
Die Turmhaube der Burg Weißensee/Runneburg wird saniert. Zum Auftakt wurde der Turmknopf samt Wetterfahne abgenommen. Der Knopf erwies sich als gut gefüllte Zeitkapsel mit Zeugnissen aus rund 150 Jahren Geschichte. Ein Schatz vor allem für Historiker.

Von weitem wirkte er gülden, der Turmknopf – umgangssprachlich auch Turmkugel genannt – auf dem Pallasturm der Burg Weißensee. Doch als man ihn abnahm, wurde sichtbar: alles Täuschung. Er ist schlicht mit gelber Farbe angestrichen. Die stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Abnahme des Turmknopfs,
Foto: STSG, Tino Trautmann

Turmknopf und Zeitkapsel

Traditionell beinhalten die meisten Turmknöpfe Kapseln mit Zeugnissen der lokalen Geschichte. Immer wenn ein Turmknopf aufgesetzt, abgenommen, geöffnet, erneuert und wieder aufgesetzt wird, gibt man Zeugnisse und Chroniken der jeweiligen Zeit zum Vorgefundenen. Das ist der eigentliche Schatz in Turmknöpfen, die so über Jahrhunderte hinweg vom Alltagsleben vor Ort künden.

Das letzte Mal war der Turmknopf der Burg Weißensee 1982 geöffnet worden. So finden sich denn auch reichlich Zeitzeugnisse aus jenem Jahr in der Kapsel. Allen voran eine handgeschriebene Chronik, verfasst in akkurater Handschrift, mit wesentlichen Hinweisen auf die frühere Geschichte der Turmkugel. Für 1982 ist als wichtige Wegmarke festgehalten: „Dank dem Interesse unseres sozialist. Staates an der Erhaltung und Pflege des kulturellen Erbes […] wurde die Runneburg als wertvolles Denkmal romanischer Bauweise in die Bezirksdenkmalliste eingeordnet.“ Von 1976 bis 1982 wurden der Chronik zufolge 800.000 Mark für Stabilisierungen und erste Wiederherstellungsmaßnahmen eingesetzt. 1982 wurden die morsch gewordene Schalung und die Dachdeckung des Turms erneuert – Anlass für die Öffnung des Turmknopfs. Anhand der Beigaben im Turmknopf zeigte sich dabei, dass er außerdem  1868/69, 1882 und 1923 geöffnet, bearbeitet und gefüllt worden war.

1882 wurde laut Chronik der Knopf samt Wetterfahne und Dacheindeckung erneuert, nachdem ein Blitzschlag das Dach der Turmhaube verwüstet hatte. Die Materialanalyse heute ergab, dass der Werkstoff für den Knopf – sogenanntes Garkupfer – tatsächlich aus jener Zeit stammt. Im Unterschied dazu ist die Wetterfahne aus einem Werkstoff gearbeitet, den es erst im späteren 20. Jahrhundert gab: Edelstahl.

Auszug aus der Chronik von 1982, Foto: STSG, Uta Kolano

1982, 1923, 1882, 1869

In der Chronik von 1882 steht zu lesen, dass „Gewitter und starkes Regenwetter […] in vielen Gegenden beträchtlichen Schaden angerichtet“ habe. Die Aussichten auf gute Ernten seien „getrübt“. Dafür ging es mit der verkehrstechnischen Erschließung der Stadt Weißensee voran: „Seit 1874 hat unsere Stadt Bahnverbindung mit Soemmerda resp. Straußfurt durch die Saal-Unstrut Bahn, welche im Jahre 1875 eröffnet wurde.“ Außerdem wurde der unbefestigte Weg nach Scherndorf als Straße ausgebaut. Wohlweislich wurde am 1. August „der Blitzableiter auf dem Thurm und Schloß angebracht.“

Die Chronik aus dem Jahr 1868/69 enthält ebenfalls Hinweise auf Wetterunbilden. „In Folge des heftigen Sturmwindes am 7. Dezember 1868, wo viele Gebäude, Wälder und Schiffe beschädigt wurden, ist auch dieser Thurm, wenn auch nicht sehr bedeutend, heimgesucht worden.“

In der Chronik aus dem Jahr 1923 ist vor allem die grassierende Inflation das bestimmende Thema. Es „ist das Jahr, in welchem […] Deutschland die große wirtschaftliche Katastrophe erlebte. Die Mark ist wertlos geworden. Der Dollar, unser Wertmesser, steht heute auf 185 Millionen Mark. […] Die Preise aller Lebensmittel sind im Steigen begriffen. Die Stundenlöhne der Dachdecker und Zimmerleute betragen 34.000.000 M. bis 35.000.000 Mark. […] Beim Einlegen dieser Urkunde ist der Dollar bereits auf 1.200.000.000 M gestiegen. […] Ein Pfund schlechtes Brot kostet 4.000.000 Mark. Ein Pfund reines Roggenbrot kostet 10.000.000 Mark.“ Von der Super-Inflation künden auch die Geldscheine, die in die Kugel eingelegt wurden. 5 Millionen zählt die höchste Summe auf einem Schein.

Aufschlussreiche Zahlen

Überhaupt kann man dank Zeitkapseln in Turmknöpfen gut allgemeine Entwicklungen vergleichen. 1869 lebten in Weißensee 2875 „Seelen“, 1882 gab es 2654 Einwohner, 1982 wurden 3.895 Einwohner gezählt. 1868/69 kostete ein Scheffel Weizen 2 Reichstaler und 15 Groschen. 1882 bekam man 100 Kilo Weizen für 23,23 Mark. 1923 kostete ein Zentner Weizen unglaubliche 300.000.000 Mark. Für 1982 sind leider keine Lebensmittelpreise vermerkt. Wer die damalige Zeit als Konsument erlebt hat, könnte rückblickend beitragen, dass ein 3-Pfund-Brot 1,20 DDR-Mark kostete.

Uta Kolano

Goethe war hier. Auch.

BaugeschehenKulturgeschichte
Schritt für Schritt erwacht Schloss Wilhelmsthal aus dem Dornröschenschlaf. Das Kulturdenkmal hat das Zeug zu einem zauberhaften Kulturort mit See, angrenzenden Wäldern und einem von Pückler mitgeprägten Landschaftspark. Und mit einem einzigartigen Festsaal für rauschende Ballnächte und imposante Konzerte. Zum Beispiel mit Kompositionen von Georg Philipp Telemann.

Umfangreich sind allerdings die baulichen Herausforderungen, die vor allem seit dem Leerfallen des Objektes Anfang der 1990er Jahre entstanden sind. Bis dahin gab es eine turbulente Nutzung, nämlich als Kinderheim. Die hat zwar der Denkmalsubstanz durchaus zugesetzt, aber immerhin für den Erhalt der Anlage gesorgt. Und auch wenn es nicht immer direkt sichtbar ist: Einiges wurde seit 2009, seit der Übernahme der Liegenschaft durch die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, geschafft.

Foto: Schatzkammer Thüringen, Marcus Glahn

Zuerst mussten das Alte Schloss, Prinzen- und Prinzessinnenhaus, der Marstall und das Neue Schloss statisch gesichert werden. Der Südflügel des Neuen Schlosses, in dem sich der Telemannsaal befindet, wurde komplex vom Schwamm befreit und nach der vollständigen Dachsanierung mit neuem Anstrich und Sockel versehen.

Außerdem wurde der Uhrturm des Marstalls saniert und hat eine neue Haube bekommen. Der Park wurde von Wildwuchs befreit, Parkwege entstanden wieder und der Staudamm des Sees musste erneuert und verstärkt werden. Als erster Parkbereich ist die Blumeninsel denkmalpflegerisch wiederhergestellt. Der Nymphenbrunnen im Schlossareal ist restauriert.

Derzeit steht der Telemannsaal im Fokus. Auch er wird aus dem Dornröschenschlaf erweckt – bald auch durch Musik. Vor allem mit Kompositionen von Georg Philipp Telemann.

Telemann war hier

Der in Magdeburg geborene Komponist stand von 1708 bis 1712 im Dienst von Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach. Der Herzog hatte die nach ihm benannte Schlossanlage Wilhelmsthal ab 1700 als Sommer- und Jagdsitz errichten lassen, im sogenannten Marly-Stil. Das bedeutet, entlang einer Wegachse wurden pavillonartig Gebäude symmetrisch angelegt. Den Höhepunkt der Anlage bildete der freistehende Festsaal. Hier kamen denn auch einige von Georg Philipp Telemanns Serenaden zur Uraufführung, weshalb er heute Telemannsaal genannt wird.

Nach dem Tod des Herzogs erlosch die Eisenacher Linie und das Herzogtum ging über an das Haus Sachsen-Weimar. Wilhelmsthal erfuhr zahlreiche Umbauten. So wurde unter dem Goethe-Mäzen Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757 – 1828) der Saalbau im Stil des Klassizismus verändert. Das barocke Mansarddach wurde durch ein Satteldach ersetzt. Als symmetrisches Pendant zum Konzertsaal entstand auf der Nordseite ein zweigeschossiger Pavillon. Beide Gebäude ließ Carl August durch eine Kolonnade verbinden. Als Goethe wiederholt in Wilhelmsthal weilte, genoss er es sicher, von der Schiffsgondel über den See auf dieses nun „Neues Schloss“ genannte Ensemble zu schauen. 

Die STSG arbeitet weiter an der Erhaltung dieses Kleinods in prächtiger Park- und Naturumgebung. Bis zum Sommer 2024 soll der Telemannsaal nutzbar werden. Die Wände und Stuckdecken sind dann zwar noch nicht restauriert, aber schon in diesem Jahr sollen Chöre in der Veranstaltungsreihe „Chorschätze“ der Schatzkammer Thüringen auftreten können. Und in naher Zukunft sollen hier wieder Telemann-Konzerte stattfinden und zahlreiche Besucher anlocken.

Uta Kolano

Bild ganz oben: Blick vom Schwalbennest auf Wilhelmsthal. Um 1806. Grafik von Georg Melchior Kraus (Quelle: Klassik Stiftung Weimar)

Erstes SIP I-Projekt abgeschlossen

Schloss Sondershausen mit guten Aussichten

BaugeschehenSonderinvestitionsprogramm I
Wer kennt es nicht: man sitzt in einem Altbau, draußen herrschen Minusgrade und drinnen im Zimmer wird es nicht warm, weil die Fenster nicht dicht oder zu einfach sind. Und das, wo die Heiz- und Energiepreise empfindlich hoch sind. So verhielt es sich im Schloss Sondershausen.

Ein Instrument zu lernen oder Singen zu üben braucht seine Zeit und in jedem Fall warme Finger und Stimmbänder. Ein Problem für die Kreismusikschule, die im Schloss Sondershausen ihren Sitz hat. Denn die Räume im Westflügel des Schlosses befanden sich schon seit längerer Zeit in einem energetisch suboptimalen Zustand. Die Fenster bedurften dringend der Sanierung, nicht nur für die Musikschule sondern auch für die Mitarbeitenden der Schlossverwaltung, die im Westflügel ihre Büros haben, sowie zum Schutz der historischen Bausubstanz. Auch der Blaue Saal, der ein wichtiger Veranstaltungsort ist, brauchte eine klimatische Verbesserung.

Vor einigen Jahren konnte die STSG einen ersten Teil der Fenster im Westflügel erneuern. Das Sonderinvestitionsprogramm I gab nun die Möglichkeit zu einem weiteren großen Schritt. Die Sanierung – also Ausbau der alten und Einbau der neu hergestellten Fenster – begann 2023 und fand im Februar 2024 ihren Abschluss. Zu guter Letzt waren die großen Fenster im Blauen Saal dran. Diese werden nun noch innen gestrichen, denn das Denkmalsschutzkonzept sieht die Anmutung der Entstehungszeit vor, also Barock, also elfenbeinweiße Fensterrahmen.

Die heutigen Fenster weisen außen Profile nach historischem Befund auf, innen sind sie moderner gestaltet. Die Beschläge folgen ebenfalls historischen Vorgaben. Es handelt sich um Holzkastenfenster, bestehend aus einer klassischen Einfachverglasung außen und einer Isolierverglasung aus zwei Scheiben innen. Der sogenannte Wärmedurchgangswert sollte sehr gut ausfallen. Das wird durch eine Erfolgskontrolle in Zusammenarbeit mit einem Energieberater analysiert. Was also real an Wärmeenergiekosten gespart werden kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Schlossverwalter Manuel Mucha hat aber schon jetzt wegen des deutlich angenehmeren Raumklimas positives Feedback der Nutzer: „Vor allem die Kreismusikschule ist dankbar und begeistert.“ Auch Mucha freut sich über Nachhaltigkeit und sinkende Kosten. Bisher beträgt der Wärmeenergiebedarf für das gesamte Kernschloss Sondershausen rund 1 Million Kilowattstunden pro Jahr. Nur Wärme wohlgemerkt, und in diesem Falle Fernwärme.

Viel unsichtbare Detailarbeit ist beim denkmalgerechten Sanieren vonnöten. Z.B. das Anpassen der Fensterbretter an Heizungssysteme oder an originale Holzverkleidungen. Fotos: STSG, U. Kolano

Mit dem Einbau der neuen Fenster ist das Thema aber nicht beendet. Auch wenn sie nun aus robustem Eichenholz gefertigt sind, brauchen sie Pflege, damit sie nachhaltig gut erhalten bleiben. Idealerweise werden sie turnusgemäß mit Leinöl behandelt. Nun werden ein Pflegeplan erarbeitet und die Leistungen ausgeschrieben.

Die Aussichten? Weitere 51 Fenster im Westflügel – in den Treppenhäusern und im Wintergarten – bedürfen der Sanierung. Dazu gehören auch die vier originalen Barockfenster auf der Empore im Blauen Saal. Für letztgenannte wird gerade ein Restaurierungskonzept erarbeitet. Neben allem Erreichten bleibt also noch viel zu tun. Gar nicht zu sprechen von den 400 Fenstern in Süd- Ost- und Nordflügel von Schloss Sondershausen.

Uta Kolano

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen

Oh du selige…

Kulturgeschichte
Es hat etwas von Downton Abbey. An Heiligabend wird die Dienerschaft zusammengerufen. Man singt gemeinsam und hernach verteilt die Fürstin Geschenke. Schließlich ziehen sich die Durchlauchten zum privaten Weihnachtsfest zurück. Alles ist prächtig geschmückt und sehr feierlich. Aber nicht zu allen Zeiten.

Weihnachten in Fürstenhäusern war nicht nur ein Fest für die Familie. Es ging auch um die vielen sozialen Verpflichtungen außerhalb der adeligen Verwandtschaft. Das zeigt das Weihnachtsfest im Hause Schwarzburg-Rudolstadt, wie es Anna Luise, die letzte Fürstin des Hauses, festgehalten hat. Sie hinterließ nicht nur einen Stapel an höchst niedlichen (Größe!) und interessanten Tagebüchern. Nein, sie war für ihre Zeit eine moderne Monarchin. Sie fotografierte und entwickelte die Bilder selbst, in einer eigens eingerichteten Dunkelkammer auf Schloss Heidecksburg.

Fürstin Anna Luise von Schwarzburg-Rudolstadt – und ab 1909 auch von Schwarzburg-Sondershausen – liebte das Weihnachtsfest. Am schönsten war es für sie, wenn sie das Fest gemeinsam mit ihrem Mann, Fürst Günther Victor, zu Hause verbrachte – also auf der Schwarz- oder der Heidecksburg. Sie schmückte die Weihnachtsbäume gern selbst und verpackte auch die Geschenke – ganz im Gegensatz zum Herzogshaus in Downton Abbey.

Die Christfeste liefen bei Anna Luise traditionell so ab: gemeinsam mit der Dienerschaft sang man zur Nachmittagszeit Weihnachtslieder, dann folgte die Bescherung. Anna Luise achtete darauf, niemanden zu bevorteilen. Deswegen erhielten alle Bediensteten die gleichen Geschenke, z.B. Stoffe. Danach wurde der Hofstaat mit Präsenten bedacht, die dem Stand angemessen höherwertig ausfielen, z.B. Silberbesteck. Am Abend fand das Festessen im engsten (Familien-)Kreis statt, wonach auch die Hoheiten ihre Geschenke öffneten.

1914 war ein besonderes Jahr. Pulverdampf statt Zimtgeruch lag in der Luft. Der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen. Der Gürtel des Weihnachtsmanns wurde enger geschnallt. Anna Luise schrieb in ihr Tagebuch: „Donnerstag: Weihnachten, Dezember 24. … war ich im Vorzimmer des Gelben Zimmer’s im 1. Stock, ordnete mit Elisabeth Rh die Bescheerung für die Dienerschaftskinder, denen ich in diesem Jahr anstelle der Dienerschaft bescheerte. Die Bescheerung fand um 4 Uhr statt, es kamen 30 Kinder dazu. Danach saß Günther zum Kaffee bei mir. Um 6 Uhr fuhren er u. ich zu den Bescheerungen in den beiden Hauptlazaretten. Nach den Feiern sprachen wir die Verwundeten, die Vorsteher u. d. Pflegerinnen u. fuhren dann nach Hause. Zum Essen waren wir im Säulensaal. Danach waren Günther u. ich in unseren Zimmern, packten einige Geschenke aus, die Mama uns geschickt hatte.  Dann spielten wir Sjoelback. Zum Thee saßen Günther, Thekla u. Elisabeth Rh. bei mir. Wir zündeten unseren kleinen Christbaum an u. sahen Bücher an, die Mama Günther u. mir geschenkt hatte. Wir anderen schenkten uns wegen des Krieges nichts. Um 11 Uhr trennten wir uns, ich schrieb noch. Schnee.“

Was lehrt uns diese kleine Weihnachtszeitreise? Dass Krieg nie Gutes gebracht hat und dass er das Leben aller – ob arm oder reich, Nord, Süd, Ost oder West – beeinträchtigt. Deswegen sollten wir die christliche Weihnachtsbotschaft nicht vergessen:  Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

Uta Kolano

Wann das Sanieren praktisch beginnen kann

Gebaut wird erst ab 8

BaugeschehenSonderinvestitionsprogramm I
Das Sonderinvestitionsprogramm (SIP I) der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten wird von Bund und Land gefördert. 200 Millionen Euro wollen gut eingesetzt sein. Weil es um Steuergeld geht, wird nach einem klar geregelten Verfahren vorgegangen.

Auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt sind die Dächer von West- und Nordflügel undicht. Starkregenereignisse in Zeiten des Klimawandels verschlimmern das Problem. Kulturschätze wie die Decke des Festsaals – ein Rokoko-Paradestück – werden nun sichtbar angegriffen. Bei Begehungen und Analysen durch die Fachleute stellte sich die wahre Dimension des Problems heraus: es müssen neben der Schieferdeckung auch Teile der Holzkonstruktion erneuert werden. Gerade an den Dachtraufen gibt es statische Schwächen. Und wir, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, sind schließlich auch dafür verantwortlich, dass niemandem, im wahrsten Sinne des Wortes, die Decke auf den Kopf fällt.

Wie auf Schloss Heidecksburg sind die Probleme vielerorts akut. Dank SIP I stehen 200 Millionen Euro für die Erhaltung unserer Denkmale zur Verfügung. Einfach gleich mit Bauen anfangen können wir trotzdem nicht. Denn wer Fördergelder von Bund und Land erhält, trägt eine besondere Verantwortung. Schließlich handelt es sich um Geld aus unser aller Steueraufkommen. Damit diese Mittel ökonomisch und erfolgreich eingesetzt werden, gelten strenge Regeln. Diese hat nicht allein der Bund aufgestellt, sondern auch die EU. Hinzu kommen diverse Festlegungen der Bundesländer. Ein umfassendes Regelwerk also rahmt das Arbeiten mit Fördermitteln.

Und so gilt auch für das Dach von Schloss Heidecksburg: gebaut wird erst ab 8. Das meint nicht die Uhrzeit auf der Baustelle. Das meint die Leistungsphase. Das regelgerechte Verfahren innerhalb eines Fördermittelprojektes besteht nämlich aus neun sogenannten Leistungsphasen. Jede einzelne Phase besteht wiederum aus vielen Arbeitsschritten.

Die Phasen 1 bis 7 umfassen rein planerische Tätigkeiten. Das sind: 1. Grundlagenermittlung, 2. Vorplanung, 3. Entwurfsplanung, 4. Genehmigungsplanung, 5. Ausführungsplanung, 6. Vorbereitung der Vergabe, 7. Mitwirkung bei der Vergabe.

Am Ende der Planungsphasen wird dann die Bauleistung ausgeschrieben und vergeben, verbunden mit einer dafür kalkulierten Summe X. Oft muss die Leistung europaweit ausgeschrieben werden. Hinter all dem steht, dass der faire Wettbewerb gewährleistet werden soll.

Mit Leistungsphase 8 beginnt endlich das Bauen. Maurer nehmen die Kellen zur Hand, Bagger fahren vor, Kräne und Gerüste werden gestellt, Schreiner fertigen Fenster usw.. In Leistungsphase 9 schließlich werden die fertiggestellten Maßnahmen überprüft und abgenommen.

Klingt vielleicht umständlich und ziemlich bürokratisch, sorgt aber auch für Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Bei den ersten Sanierungsprojekten im SIP I haben wir in diesem Jahr schon Etappenziele in Leistungsphase 8 erreicht. Bei den gewaltigen Dächern von Schloss Heidecksburg wird das noch eine Weile dauern; untersucht und geplant wird aber auch dort schon mit Hochdruck.

Uta Kolano

Das Sonderinvestitionsprogramm I der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

Achtung Baustelle!

BaugeschehenSonderinvestitionsprogramm I
Im Sonderinvestitionsprogramm I (SIP I) arbeitet das Team der Stiftung an 23 Baustellen in 13 Liegenschaften. Eine große Chance für das kulturelle Erbe Thüringens.

Wir bauen Geschichte

„Wir bauen für Sie“ ist auf vielen Baustellenschildern landauf und landab zu lesen. Auch wir, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (STSG), bauen für Sie. Nicht im direkten Sinne, versteht sich, denn wir bauen keine Wohnhäuser und schon gar keine Neubauten. Wir bauen an unserem gemeinsamen kulturellen Erbe. Wir bauen an jenen Orten, die meist ortsbildprägend und im besten Sinne identitätsstiftend sind. Wenn wir bauen, heißt das, wir erhalten bis zu 800 Jahre alte Bausubstanz. Oft müssen wir sie sogar regelrecht sichern. Wir legen dabei die Bauphasen und kulturhistorischen Schichten frei. Und wir geben dem Alten, Kaputten, Vergilbten, Zerfallenen wieder Standfestigkeit und holen die Schönheit zurück. In diesem Sinne arbeiten wir nachhaltig und aus der Vergangenheit heraus für die Zukunft – damit auch in 100 Jahren das ästhetisch und historisch Wertvolle sichtbar und zugänglich sein wird. Wir retten und bewahren unser gemeinsames kulturelles Erbe.

Zahlen und Fakten

Das kostet. Der geschätzte Sanierungsbedarf für all unsere 31 Liegenschaften beträgt eine halbe Milliarde Euro. Klingt gewaltig, könnte sich aber auch angesichts der allgemeinen Preissteigerungen als knapp herausstellen. Bund und Land haben bis 2027 jeweils 100 Millionen Euro für das Sonderinvestitionsprogramm I (SIP I) zur Verfügung gestellt. Bis 2027 können wir also 200 Millionen Euro für die Sanierung ausgewählter Baudenkmale einsetzen.

Was ist im SIP I konkret geplant? Wir haben nach Dringlichkeit und Machbarkeit im sehr knappen Zeitrahmen 23 Projekte an 13 Orten definiert. In der Wortwolke sind sie zu finden – zugegeben etwas ungeordnet, aber wir versprechen: das steht im Gegensatz zu unserem Projektmanagement.

Die Zahlen sprechen für sich. Wir sanieren 12.000 Quadratmeter Dachfläche – die Größenordnung von etwa 3 kleineren Fußballfeldern. Hinzu kommen 40.000 Quadratmeter Geschossfläche, was der Wohnfläche von rund 260 durchschnittlich großen Einfamilienhäusern entspricht.

Foto: STSG, Carolin Schart

Das SIP I läuft bereits seit 2021. Viele mögen sagen: was passiert denn überhaupt auf dem Schloss in meiner Nähe, ich sehe noch nicht viel davon. Doch es geht nur scheinbar zögerlich voran. Am Anfang großer Fördermaßnahmen stehen immer Verwaltungs- und Genehmigungsprozesse und natürlich eine sorgfältige Planung. In unserem Fall gehören auch die denkmalgerechten und denkmalrechtlich abgesprochenen Planungen dazu. Allein für Planungsleistungen haben wir bisher über 100 Auswahlverfahren durchgeführt. Rund 200 Expertinnen und Experten – von Architektenteams über Statiker bis zu Restaurierungsfachleuten – arbeiten gesteuert von unseren SIP-Teams an den Projekten. Das beansprucht Zeit. Und Sorgfalt ist geboten. Schließlich handelt es sich um Fördermittel aus Steuergeldern. Mit denen muss verantwortungsvoll umgegangen werden.

Auch wenn wir ausdauernd sind – bis 2027 wollen wir die gesteckten Ziele erreicht haben. Wir liegen gut im Zeit- und Kostenplan. Projekt für Projekt laufen zeitversetzt die Maßnahmen an. Einige haben 2023 begonnen. Und das erste, der Einbau von 73 neuen Fenstern auf Schloss Sondershausen, wird sogar noch in diesem Jahr fertig.

Uta Kolano

Bleiben Sie dran! Im Blog stellen wir die Bauprojekte und vor allem die Macherinnen und Macher vor. Natürlich wollen wir auch von den Fortschritten, Überraschungen und echten Herausforderungen erzählen. Wir halten Sie auf dem Laufenden.