In der Holzbildhauerwerkstatt entstehen in diesem Jahr die verlorenen Schnitzornamente neu, die einst das Deckengemälde im Blauregenzimmer im Westflügel von Schloss Friedenstein flankierten. Bei restauratorischen Untersuchungen der historischen Fassung des Raumes – der einst als Audienzzimmer des Erbprinzen diente – waren in der Raumdecke kleine Nagellöcher aufgefallen. Die Untersuchungen und Archivrecherchen offenbarten, dass das quadratische Deckengemälde früher einmal an zwei Seiten von vergoldeten Ornamenten umrahmt wurde.
Die Wände des Blauregenzimmers sind mit grüner Seide bespannt und zeigen florale Motive, darunter Blauregen, Rosen und Laubgewinde. Über dem Kamin ist in einem Gemälde der „Schwebende Genius“ zu sehen. An der Decke öffnet sich der Blick in den Himmel. Neben kleinen Vögeln breitet eine Eule hier ihre Schwingen aus und schaut in den Raum hinunter.
Foto: STSG, Constantin Beyer
Bei Untersuchungen zur historischen Raumfassung wurden im Blauregenzimmer viele kleine Löcher in der historischen Decke entdeckt, die sich bei genauerer Betrachtung zu einem schwungvollen Muster zusammenfügten.
Foto: STSG, Franz NagelDer historischen Raumfassung auf der Spur
Im Laufe des 20. Jahrhunderts gingen die Ornamentschnitzereien des Blauregenzimmers verloren. Zurück blieben die kleinen Nagel- und Schraubenlöcher in der Decke. Sie zeichnen noch heute die Form der Ornamente nach und gaben wichtige Anhaltspunkte, dass es sich bei den Ornamenten um Schnitzereien und keine Malereien handelte. Zusammen mit einer Entwurfszeichnung aus der Zeit um 1800 und einer historischen Fotografie bilden sie zudem in Bezug auf Größenverhältnisse und Proportionen wichtige Grundlagen für das Wiederherstellungsprojekt.
Im Depot entdeckten die Restauratoren zudem zwei Ornamentfragmente, die der Decke des Blauregenzimmers zugeordnet werden konnten. Die Untersuchungen zeigten auch, dass die beiden Fragmente mit Blattgold und Lasuren veredelt worden waren.

Von der Visualisierung bis zum Schnitzwerk
Die feingliedrigen Ornamente mit floralen Elementen und einem geflügelten Blumenkelch werden jetzt in der Restauratorenwerkstatt nachgefertigt. Zunächst wurden dafür Zeichnungen angefertigt, um Proportionen und Details des Schnitzwerks zu visualisieren und auszuloten. Dann wurde die Grundform in Modellierknete und Ton nachgebildet. Erst danach begannen die feinen kunsthandwerklichen Schnitzarbeiten. Mit Schnitzmessern, Hohl- und Flacheisen, Stechbeiteln und Klüpfeln wird das Holz nach den Modellen geformt.
Für die holzbildhauerischen Arbeiten wird Lindenholz verwendet – ein weiches Holz mit gleichmäßiger Maserung, das aber auch robust ist und sich nicht so leicht verformt.
Foto: STSG, Franz NagelGoldiger Feinschliff
Im Folgenden Schritt wird das Schnitzwerk in mehreren Arbeitsschritten grundiert. Durch die Grundierung verunklärte Details und Konturen werden noch einmal geschärft.
Abschließend folgt die Vergoldung. Auf die Grundierung mit der sogenannten Leimlösche wird ein Kreide-Leim-Pigment-Gemisch, das rötliche Poliment, aufgetragen. Es glättet die Oberfläche und sorgt damit für eine bessere Haftung des Blattgoldes. Die Polimentschicht macht die Oberfläche zudem polierfähig. Auf die zuvor eingeölte Oberfläche wird dann das hauchdünne Blattgold aufgebracht. Für den letzten Feinschliff werden die Höhen mit einem weichen Stein poliert.

Vergoldet hoben sich die floralen Ornamente vor dem dunklen Grund der Decke des Blauregenzimmers deutlich ab.
Foto: STSG, Franz NagelEngagement mit Detailgespür
Gefördert wird das Projekt durch Lottomittel in Höhe von 4.500 Euro, die der Thüringer Innenminister Georg Maier Anfang September 2026 an den Freundeskreis Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha e.V. übergab. Mit einer großzügigen Spende über insgesamt gut 20.000 Euro macht der Freundeskreis die Wiederherstellung der vergoldeten Ornamente im Blauregenzimmer möglich.

Übergabe der Lotto-Mittel an den Freundeskreis Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha e.V. (v.r.n.l.): Thüringer Innenminister Georg Maier, Landtagsabgeordneter Matthias Hey, Dr. Doris Fischer (Direktorin STSG), Klaus Kleinsteuber (Vorsitzender Freundeskreis Kunstsammlungen Schloss Friedenstein Gotha e.V.), Landrat Onno Eckert
Auch für die an das Blauregenzimmer anschließenden Räume steht Großes an. Noch 2026 beginnt die umfassende Sanierung des Westflügels von Schloss Friedenstein durch die Stiftung Thüringer Schloss und Gärten. Das Mammutprojekt ermöglicht wichtige Sicherungsschritte für den Erhalt des Residenzschlosses und seiner wertvollen Raumkunstwerke. Ist der Westflügel saniert, wird auch die komplettierte Decke des Blauregenzimmers im Rundgang der Friedenstein Stiftung Gotha für alle Gäste zu erleben sein.