Wenn Architektin Silvia Wagner durch Schloss Friedenstein geht, schaut sie gewissermaßen durch die Wände. „Natürlich sehe ich die enormen Schätze, die wir mit den Raumkunstwerken hier haben. Aber im Moment unterstreicht dieses Wissen vor allem die Dringlichkeit unserer Vorhaben. Und die spielen sich vor allem hinter den Tapeten, Vertäfelungen und Stuckdecken ab“, sagt die Bauabteilungsleiterin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (STSG), die auf Schloss Friedenstein ein Projektteam für die von Bund und Land gemeinsam finanzierte Sanierung mit einem Volumen von 110 Millionen Euro anführt. „Es geht hier vor allem um die Stabilität des Gebäudes, das in seinen verschiedenen Bereichen ganz unterschiedliche Arten von Schäden birgt.“ Die dringlichsten davon sind in einzelne Projekte gefasst, die parallel vorangetrieben werden.

Eines dieser Projekte konnte im Frühjahr 2026 abgeschlossen werden. „Wir haben mit dem Dach des Westflügels begonnen. Innerhalb eines guten Jahres waren die Zimmerer und Dachdecker mit den 100 Metern Dach fertig“, so Wagner. An die Dachsanierung schloss sich unmittelbar der Einbau eines neuen Treppenhauses mit Aufzug im Westflügel an, das für den barrierefreien Zugang und als Rettungsweg für die künftigen Museumsräume im Westflügel und das Ekhof-Theater im Westturm nötig ist. Nach Abschluss des Innenausbaus mit Sanitärräumen ist das Treppenhaus zum Saisonstart jetzt in Betrieb gegangen. „Das erste Projekt mit Dach und Treppenhaus zeigt beispielhaft die Bandbreite unserer Aufgaben“, erklärt die Sanierungsexpertin. „Natürlich steht die Substanzsicherung im Vordergrund, denn ohne sie bräuchte man sich über einige Innenräume bald keine Gedanken mehr zu machen. Wir wollen aber nicht nur das Gebäude wieder fit machen, sondern auch entscheidende Verbesserungen für unsere Nutzer erreichen, also die Stiftung Friedenstein Gotha und die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt.“

Foto: STSG, André Kranert
Während das erste Projekt des großen Fördervorhabens zu Ende geht, nehmen zwei weitere Fahrt auf. Das umfangreichste ist die Komplettsanierung des Westflügels einschließlich Ausbau für die museale Nutzung durch die Friedenstein Stiftung Gotha (FSG). Mehr als 60 Millionen Euro sind dafür eingeplant. „Dafür mussten wir sehr gründlich den Zustand vor allem der Holzkonstruktionen untersuchen, also Decken und Wände. Wer das Schloss von außen sieht, ahnt nicht, wie viel Holz hier verbaut ist. Da gibt es große Schäden an unzähligen Deckenbalken.“ Um die zu ermitteln, musste das Team der beauftragten Planer hinter die historischen Oberflächen schauen. Dazu waren Parkettböden und Wandverkleidungen vorsichtig auszubauen, außerdem mussten die Fachleute an vielen Stellen den Putz öffnen oder Fachwerkwände sogar ganz freilegen. „Immer wieder waren wir schon in dieser Planungsphase gezwungen, sofort zu handeln“, erinnert sich Silvia Wagner. „Etwa im früheren Komödiengemach über dem Ekhof-Theater. Als wir dort die Schäden über der Decke des Zuschauerraums sahen, mussten wir kurzzeitig sperren und binnen weniger Wochen notsichern, damit das Theater weiter benutzt werden konnte.“ Alle Erkenntnisse flossen in eine detaillierte Planung ein. Ist sie von den Zuwendungsgebern bestätigt, kann Anfang 2027 die Arbeit am Westflügel beginnen. Nach Abschluss kann dort neben den fast 1.000 Quadratmetern der dann wieder geöffneten klassizistischen Prunkräume die FSG auf mehr als 1.500 Quadratmetern Museumsfläche wichtige Teile ihrer Sammlungen präsentieren.

Auf den Weg gebracht ist außerdem die Vorbereitung für ein weiteres großes Projekt, die Sanierung des Ostturms und angrenzender Bereiche des Ostflügels mit dem Ziel, dass dort die Forschungsbibliothek Gotha möglichst viele ihrer Bücher wieder unterbringen und den Nutzerinnen und Nutzern bereitstellen kann. Vorausgegangen war auch hier eine dramatische Notsicherung. Zu Beginn der Planungsarbeiten hatten Statiker einen dringlichen Notsicherungsbedarf am Turm festgestellt. Umbaufehler aus der Barockzeit und über viele Jahrzehnte entstandene Überlastungen hatten zu drohendem Konstruktionsversagen geführt. Erst nachdem Kellerpfeiler und andere neuralgische Punkte verstärkt worden waren, konnte der Turm durch den Abtransport von Stahlregalen und Büchern entlastet werden und die Planungen konnten fortschreiten. In diesem Jahr bekommen sie den letzten Schliff, bevor es auch am Ostturm mit den Bauarbeiten losgeht.
Parallel läuft ein besonders diffiziles Vorhaben – die Sanierung von Pfeilern der Innenhofarkaden. Nach einem 2025 erfolgreich erprobten Verfahren werden sie Stück für Stück hydraulisch entlastet, dann wird das äußere Sandsteinmauerwerk ersetzt, das nicht mehr tragfähig ist. Immerhin muss jeder der Pfeiler rund 210 Tonnen Last stemmen.

Foto: STSG, André Kranert
Insgesamt 110 Millionen Euro stehen für die Sanierung von Schloss Friedenstein bereit. „Das sind Mittel, die zu einem großen Teil an Handwerker aus der Region gehen, die hier wirklich eine großartige Arbeit leisten“, betont Silvia Wagner den hohen Anteil an hochqualifizierter Handwerksarbeit bei Sanierungsprojekten.
Franz Nagel