Die Kubatur ist wiederhergestellt, das Fachwerk und der Dachstuhl bereits durchsaniert – die Sanierung des historischen Küchenbaus auf der Terrasse hinter Schloss Altenstein schreitet voran. Zu den markanten Merkmalen des kleinen Fachwerkgebäudes gehören nicht nur hunderte Fliesen mit blauen Ranken- und Blütenmotiven, die die Wände im Inneren zieren, sondern auch das pagodenförmige Dach mit breitem Dachüberstand. Durch ein besonderes Projekt historischer Ziegelkunst konnte seine authentische Wirkung jetzt wiederhergestellt werden. Das Dach wurde mit rund 8.800 Biberschwänzen nach historischem Vorbild neu eingedeckt.

Schimmerndes Grün
In der Ziegelmanufaktur Ullrich in Forst bei Bruchsal wurden die Biberschwänze gestanzt und glasiert. Nicht nur Material und Form spielten bei der Herstellung eine zentrale Rolle, auch die Farbigkeit der Glasur ist maßgeblich für die Wirkung auf dem Dach. Die Glasur sorgt für die feinen Farbabweichungen, die den Reiz des historischen Daches ausmachen und es in facettenreichem Grün leuchten lassen.

Foto: STSG, Anke Pennekamp
Mit Schöpfkelle und Feingefühl
Die Ziegel wurden, wie schon zu Herzogszeiten, mit drei unterschiedlichen Grüntönen glasiert – in Maigrün, Laubgrün und Lindgrün. Die leicht transparente Kristallglasur gibt den Ziegeln ihr besonderes Leuchten. Sie wird zunächst von Hand mit einer Schöpfkelle aufgeschüttet und dann mit geübten Handbewegungen zum Laufen gebracht. Bewusst entstehen auf diese Weise Unterschiede in der Deckkraft. Abschließend wird der Ziegel gebrannt. Erst mit dem Brand kommt die satte grüne Farbigkeit der Glasur zum Vorschein.
Vor dem Brand erscheint die auf dem Ziegelrohling aufgetragene Glasur noch in einem Cremeton.
Foto: STSG, Franz Nagel
Nach dem Brand erstrahlen die Biberschwänze in ihrem neuen grünen Gewand.
Foto: STSG, Constantin BeyerNicht nur besonderes Geschick und handwerkliches Feingefühl sind bei der Ziegelherstellung in Handarbeit gefragt, sondern auch Nervenstärke. Denn der Glasurvorgang vergibt keine Fehler, pro Ziegel gibt es nur einen Versuch, die Glasur aufzubringen.

Vom Ton zum Ziegel
Die Rohlinge wurden aus Ton in einer eigens angefertigten Form gepresst. Mit rund 25 Tonnen Druck werden sie von Lufteinschlüssen befreit und in ihre markante Form mit spitzer Rundung gebracht. Vom Batzen bis zum fertig gebrannten Ziegel dauerte die Herstellung eines Altensteiner-Biberschwanzes rund drei bis vier Wochen. Die längste Zeit nahm dabei die Trocknung in Anspruch. Um Spannungen im Material zu vermeiden, wurden die Rohlinge an der Luft getrocknet und nicht in der Trockenkammer.

Historische Handwerkskunst lebt wieder auf
Als Muster diente für die Ziegelherstellung einer von gut 2.000 Biberschwänzen der originalen Ziegeleindeckung des Küchenbaus, die noch heute erhalten sind. Er wurde vor rund 140 Jahren von Hand in der gleichen Technik glasiert. Die erhaltenen historischen Originalziegel wurden auf dem wiederhergestellten Verbindungsgang zwischen Küchenbau und Schloss wieder eingedeckt.

Foto: STSG, Anke Pennekamp
Die Biberschwänze wurden Ende des 19. Jahrhunderts bei der Errichtung des herzoglichen Küchenbaus eingedeckt. Bei der Herstellung der neuen Biberschwänze nach historischem Vorbild wurden die Ziegel in der Länge um ein paar Zentimeter gekürzt, so konnte das Gewicht der Ziegeldeckung auf dem Fachwerkbau verringert werden.
Abbildung: Von links nach rechts: Rohling, neuer Biberschwanz, historischer Ziegel vom Küchenbau, Foto: STSG, Anke Pennekamp
Geordert wurden die Ziegel im 19. Jahrhundert bei der Firma Villeroy&Boch, wie die Rückseite zeigt.
Foto: STSG, Anke PennekampZiegelkunst dank Förderung
Das Sommerschloss samt Küchenbau auf dem Altenstein wird bis 2027 saniert – eines der großen Projekte im Sonderinvestitionsprogramm I der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, das von Bund und Land gemeinsam finanziert wird. Das Budget für den Küchenbau wird allerdings für die Sanierung des Bestands und den Innenausbau gebraucht. Bei der Dachdeckung hätten die Mittel nur für einfache Industrieware gereicht. Dank einer großzügigen Förderung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte die historische Dachdeckung des Küchenbaus in historischer Manufakturqualität wiederhergestellt werden.
„Am Küchenbau auf Schloss Altenstein bestand die Chance, mit eigens hergestellten Ziegeln sehr nah an die ursprüngliche Wirkung des Kleinods heranzukommen. Deshalb haben wir das Vorhaben sehr gern unterstützt. Das Ergebnis überzeugt handwerklich und in der Wirkung im Ensemble.“ Lars Ludwig, Ortskurator der DSD aus Erfurt
Das Dach des Küchenbaus – der wie das Schloss eng mit der umliegenden Parkanlage verbunden ist – schimmert nun wieder in changierendem Grün. Bei der Ziegelherstellung lebte dabei auch eine historische Handwerkskunst wieder auf. Nur wenige können heute diese Art von historischen Ziegeln noch nachfertigen. Feine Details wie die schimmernden Biber auf dem Dach des Küchenbaus machen den Reiz der Sommerresidenz auf dem Altenstein aus.
Anke Pennekamp