Bei der Restaurierung des Saals konnte die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten 2024 fünf barocke Deckenmalereien freilegen, die jetzt wieder in ihrer vollen Pracht bewundert werden können. So thronen auch heute wieder prominente Götter als die vier Jahreszeiten in dem besonderen Saalbau. Mit ihnen konnte ein weiteres Detail der originalen Barockausstattung von Schloss Wilhelmsthal wiederbelebt werden.

Foto: Schatzkammer Thüringen, Marcus Glahn
Ihr Maler, Carlo Ludovico Castelli, stammt aus einer berühmten italienischen Stuckateursfamilie und malte Deckengemälde in vielen anderen Schlössern wie Schloss Saalfeld oder der Statthalterei Erfurt. In Wilhelmsthal stellte er zwischen 1718 und 1720 die vier Jahreszeiten als personifizierte römische Gottheiten der Antike dar. Dieses Thema war im Barock ein sehr populäres Bildmotiv, das einen wahren Triumphzug in der Kunst durchlebte. Es ist eines der Standardthemen des Barock, besonders in Lust- und Jagdschlössern wie Wilhelmsthal. Die Nähe zum Garten inspirierte das Thema, das den Bewohnern den Wechsel von Makro- und Mikrokosmos und der zyklischen Natur der Dinge vor Augen halten sollte. Mit dem Garten und der Natur nur wenige Schritte entfernt, eignete sich die sala terrena – der sogenannte Gartensaal – auch in Wilhelmsthal besonders gut für das Motiv.

Die Bildersprache für solche Darstellungen wurde im Barock in sogenannten Ikonologien festgelegt – Kompendienbüchern, die für viele Themen die Bildmotive und deren Auslegung darboten. Auch die Deckenmalereien in Wilhelmsthal beziehen sich auf eine solche Ikonologie, nämlich Cesare Ripas Iconologia. Bei Ripas vier Jahreszeiten erscheint Flora als Frühling, umgeben von Blumen. Ceres verkörpert mit schweren Ährenbündeln im Arm den Sommer, während Bacchus genüsslich die Traubenernte im Herbst symbolisiert und Äolus, der Gott der Winde, als alter Mann die Kälte des Winters regiert.
Darstellung des Frühlings von Carlo Ludovico Castelli in Schloss Wilhelmsthal.
Foto: STSG, Gydha MetznerIn Wilhelmsthal teilen sich die Gottheiten auf die zwei Vorzimmer des Saals auf. Im sogenannten Ceres-Zimmer, nordöstlich des Eingangs, thronen in zwei schlichten Deckenfeldern Ceres und Flora in den Wolken. Beide begleiten zwei bis drei Nebenfiguren, die sich an ihren Seiten tummeln.

Im Bacchus-Raum bevölkern Diana und Bacchus ein Deckenfeld. Im zweiten hebt Äolus dynamisch einen Ast gleich einem Zepter in die Höhe. Auch ihn umringen drei dynamische Nebenfiguren. Ein weiteres quadratisches Deckenfeld, auf dem ein Erot auf einem Löwen lagert, ergänzt im Bacchus-Zimmer die Jahreszeiten.

Die Deckenmalereien in den Vorzimmern orientieren sich an großer französischer Kunst. Hier zitierte Castelli auf seine ganz eigene Weise berühmte Werke des französischen Hofkünstlers Charles Le Brun – seines Zeichens Premier peintre du Roi und für niemand Geringeren als den Sonnenkönig Ludwig XIV. tätig – sowie von dessen Lehrer Simon Vouet und des später sehr bekannten Gérard de Lairesse. Letzterer wurde sogar als „zweiter Raffael“ gefeiert.
Deckenmalerei des Winters von Carlo Ludovico Castelli im Schloss Wilhelmsthal.
Foto: STSG, Gydha MetznerSeine vier Jahreszeiten dienten Castelli besonders beim Sommer und Winter als Vorbild. Bei beiden Deckenmalereien sind die Figuren dem Vorbild sehr detailgetreu nachempfunden. Dennoch sind sie keine Kopien. Castelli veränderte und passte es mit viel Bedacht an. Dass Le Brun als Vorbild diente, untermauern auch die Grisaille-Malereien in den Ecken beider Vorräume. Ihre Motive stammen aus den Tapisseries du roy, einer Serie von Wandteppichen, die Le Brun als Direktor der Manufacture Royale des Tapisseries et Meubles de la Couronne für den König entwarf.

Castelli entschied sich also für berühmte Zitate, mit denen sich der Telemannsaal schmücken konnte, und inszenierte diese passend für die Raum- und Deckenform neu. Der Bezug zum französischen Hof war dabei vermutlich kein Zufall und blieb sicher auch nicht unbemerkt.
Kira Dobbe