Als die Schauspielerin Ellen Franz 1867 nach Meiningen kam, war sie bereits eine angesehene Berühmtheit auf den Bühnen ihrer Zeit. Ihr erster Auftritt lag damals schon sieben Jahre zurück: 1860 spielte sie Jane Eyre in Charlotte Birch-Pfeiffers Schauspiel „Die Weise von Lowood“ – die junge Anfängerin stand dabei neben ihrem berühmten Kollegen Emil Devrient als Lord Rochester auf der Bühne. Die Aufführung wurde ein voller Erfolg, in dessen Nachgang die frischgebackene Schauspielerin direkt am Coburg-Gothaischen Hoftheater eine Anstellung übernahm.

Bildarchiv: Meininger Museen, IV_14192F, A 3091
Es folgten Stationen in Stettin, Oldenburg und Mannheim. Bereits in Oldenburg erfreute sich Ellen großer Beliebtheit – auch das Herzogspaar verehrte ihre Kunst, lobte ihr vornehmes Auftreten und ihre Intelligenz. In Mannheim steigerte sich ihr Ansehen nochmals, dort wurde sie gleichermaßen von Adel und Hof wie auch von der Bevölkerung gefeiert. Ihren letzten Auftritt beschrieb die dortige Zeitung 1867 als „Festtag im hiesigen Theaterleben“, bei dem Ellen Franz mit Blumen und Verehrung überschüttet wurde „wie […] selten noch gesehen.“
Kindheit und Jugend der Freifrau
Ihr vornehmes Auftreten und ihre außergewöhnliche Intelligenz, für die die junge Schauspielerin neben ihrem Talent für das Theater so gefeiert wurde, verdankte die spätere Freifrau zum großen Teil ihrer Erziehung. In Naumburg als Kind des Oberlehrers der Domschule und seiner Frau Sarah, einer englischen Adligen, geboren, legten beide Eltern besonderen Wert auf die Bildung ihrer Tochter.
Ellen bewies bereits im Literaturunterricht ihren scharfen Verstand und kritisches Denkvermögen. Zusätzlich unterrichtete der Virtuose und Liszt-Schüler Hans von Bülow die junge Frau am Klavier. Auch mit Franz Liszts Tochter Cosima, die zunächst mit Franz von Bülow und später mit Richard Wagner verheiratet war, verband die junge Ellen Franz eine Freundschaft.

Liebe zum Theater
Als Ellen Interesse am Theater zeigte, versuchten ihre Eltern zunächst ihre Tochter von derartigen Karriereplänen abzubringen. Doch niemand anderes als Cosima und Hans von Bülow sowie Franz Liszt überzeugten das Paar von den Ambitionen und dem Talent ihrer Tochter. Der anerkannte Schauspieler und Regisseur Heinrich Marr sollte daraufhin ihre Begabung einschätzen. Nach seiner Bestätigung unterrichtete er die junge Ellen sogar persönlich.
Für das Meininger Hoftheater rekrutierte Friedrich Bodenstedt persönlich die Berühmtheit, nachdem er Ellen als Prinzessin in Goethes „Torquato Tasso“ gesehen hatte. Gleich darauf sprach er bei ihr vor und bot ihr eine Stelle an. In Meiningen betrat Ellen Franz die Bühne erstmals am 20. Oktober 1867 als Julia in Shakespeares „Romeo und Julia“ – auch hier mit großem Erfolg.

Mit Redekunst und wahrhafter Herzensgüte
Max Grube beschrieb ihr bestechendes Auftreten und Schauspieltalent am Meininger Hoftheater in der Rolle der Elmire: „Außer Weilenbeck fiel mir nur die Darstellerin der Elmire auf, und zwar in hohem Maße. Ich habe niemals wieder, selbst nicht am Théâtre Français, eine so vollkommene Elmire gesehen wie von Ellen Franz. So geistreich sie erschien, so fühlte man doch einen Unterton wahrhafter Herzensgüte. Und noch eins besaß sie – einen bestrechenden Zauber der Stimme und eine Redekunst, wie ich sie bisher nur von Pauline Ulrich gehört hatte, der die Worte auch von den Lippen glitten wie eine sauber aufgereihte Perlenschnur. Ellen Franz war nicht gerade schön zu nennen, aber von ihrer schlanken, vornehmen Figur fesselten ein Paar wundervolle dunkle Augen.“
Verbindende Leidenschaft
Sicherlich war der Herzog nicht weniger verzaubert als Max Grube, als er Ellen Franz bei den Proben und ersten Aufführungen beobachten konnte. Ab 1868, bereits in ihrem ersten Jahr am Meininger Hoftheater, fanden beide zueinander und wurden ein Paar. Georgs Ehefrau Fedora wusste von der Affäre und bat ihren Ehemann immer wieder in Briefen um Diskretion und Rücksicht. Doch die Verbindung der Geliebten blieb bestehen: Etwas über ein Jahr nach dem Tod Fedoras 1872 heiratete das Paar in der Villa Fedora in Bad Liebenstein.
Zeichnung Georgs II. von Sachsen-Meinungen von Ellen Franz als Margaretha von Valois in der Bluthochzeit von Albert Linder.
Bildarchiv: Meininger Museen, M.M. IV A3 3957 6Allen Widerständen trotzend
Georg adelte Helene und verlieh ihr den Titel der Freifrau von Heldburg. Trotz des freudigen Ereignisses waren die Wochen und Monate um die Hochzeit für Helene sicherlich auch eine herausfordernde Zeit. Georgs Vater Bernhard äußerte sich entschieden gegen die Hochzeit und scheute dabei auch nicht, einen öffentlichen Skandal zu verursachen. In Zeitungsartikeln und Rezensionen ließ er Helene als Schauspielerin denunzieren, sorgte vor Helenes Haustür für Schikane und brachte die Hofgesellschaft gegen das Paar auf. Voller Liebe und Standhaftigkeit blieben Helene und Georg sich treu, widmeten sich dem Theater, Reisen und ihrem gemeinsamen Leben.
Berufung für das Theater
Am Meininger Hoftheater übernahm Helene auch nach der Hochzeit dramaturgische Arbeiten. Mit viel Expertise sah sie alle Neuheiten und die älteren Stücke für die Aufführungen durch, wählte mit sicherem Blick die für einzelne Rollen geeignete Nachwuchstalente aus und studierte mit ihnen Text und Interpretation. Zusätzlich hatte sie ein weitreichendes Netzwerk von Autoren, Künstlern und Wissenschaftlern aufgebaut, mit denen sie oftmals über Briefe in Kontakt stand.
Mit Ihren vielfachen Talenten konnte die Freifrau von Heldburg somit auch nach der Hochzeit trotz der Restriktionen ihres Standes und den gesellschaftlichen Ansprüchen ihrer Zeit an eine verheiratete Frau einer Berufung am Theater nachgehen und dabei großen Einfluss und Bedeutung ausüben. Über den weitreichenden Ruhm des Meininger Hoftheater schrieb der Herzog in einem späteren Brief an seine Frau: „‚Die Meininger‘ sind Du, Chronegk und ich und niemand oder nichts sonst.“
Eine Frau in der Führungsspitze eines bedeutenden Theaters seiner Zeit, im Rampenlicht und im Schatten ihres Standes – ob als Schauspielerin oder als Freifrau brachte Ellen Franz ihre Talente auf beeindruckende Weise stets in ihr Umfeld ein.
Kira Dobbe
Sonderausstellung
noch bis zum 3. Januar 2027
„Herzog – Bauherr – Künstler. Georg II. von Sachsen-Meiningen und die Veste Heldburg“
Deutsches Burgenmuseum auf der Veste Heldburg
Mehr zur Sonderausstellung „Herzog – Bauherr – Künstler. Georg II. von Sachsen-Meiningen und die Veste Heldburg“ im Deutschen Burgenmuseum auf der Veste Heldburg.