Moderne Gartendenkmalpflege und historische Orangeriekultur

Winterquartier für paradiesische Pflanzenschätze

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Die Temperaturen sinken und der erste Frost steht vor der Tür, das bedeutet für die wertvollen Orangeriepflanzensammlungen in den historischen Gartendenkmälern der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten die Rückkehr ins Winterquartier.

Jedes Jahr ziehen vor dem ersten Frost die Orangeriepflanzen in den historischen Gärten und Parks der STSG ins Winterquartier um. Im Sommer zieren die mediterranen Kübelpflanzen Rasenparterres und stehen im Schlossumfeld Spalier. Manche der repräsentativen Pflanzensammlungen überwintern noch in den historischen Pflanzenhäusern, andere in modernen Gewächshäusern oder bei beauftragten Gärtnereien. Alle werden durch Parkverwalter und Schlossgärtner regelmäßig begutachtet und über den Winter gehegt, damit die kälteempfindlichen Pflanzenschätze im Sommer wieder ihre historische Wirkung in den Schloss- und Gartenanlagen entfalten können.

Ein Lorbeerbäumchen wird ins Winterquartier gebracht,
Foto: STSG, Jens Scheffler

Im Schlosspark Gotha ziehen im Herbst rund 230 Palmen, Lorbeer- und Zitrusbäume wie schon vor Jahrhunderten ins barocke Lorbeerhaus um. Zuvor sind schon die kleineren Kübelpflanzen wie Schmucklilien, Agaven und Yuccas wieder in die Pflanzenhäuser der Herzoglichen Orangerie eingezogen, ebenso wie die Fuchsien-, Bleiwurz- und Enzianstrauchstämmchen aus den Blumenbeeten. Die aufwendige Prozedur der Einwinterung der kälteempfindlichen Exoten wiederholt sich jedes Jahr je nach Witterung von Ende September bis Mitte Oktober. Im Anschluss beginnt bereits die Vorbereitung der neuen Pflanzsaison, die Blumenbeete werden beräumt und für das Setzen der 7.000 Blumenzwiebeln für die nächste Frühjahrbepflanzung vorbereitet.
 

Aufstellung der Orangeriepflanzen im Lorbeerhaus,
Foto: STSG, Jens Scheffler

Anders als im 18. und 19. Jahrhundert setzten die Schlossgärtner im Herzoglichen Park Gotha beim Umzug der Orangeriepflanzen heute nicht mehr allein auf Muskelkraft und Hilfsmittel wie Tragestöcke – auch Fahrzeuge werden für den Transport der großen, zum Teil mehr als eine halbe Tonne schweren Kübelpflanzen eingesetzt. „Dennoch ist auch hier Fingerspitzengefühl und einiges an Handarbeit nötig, um die Pflanzen wohlbehalten und ohne Schäden an Stamm, Wurzel oder Krone in die Häuser zu bringen“, erklärt Jens Scheffler, Parkverwalter im Herzoglichen Park Gotha. „Wichtig für die optimale Unterbringung der mediterranen Pflanzen im Winter ist es, die Lichtverhältnisse im Haus zu beachten und die Pflanzen nicht zu dicht zu stellen, da sich sonst Schädlinge und Krankheitserreger schnell im gesamten Bestand ausbreiten können.“

Abtransport der Orangeriekübel im Schlosspark Sondershausen,
Foto: STSG, Henry Märtens

Auch auf Schloss Sondershausen stand kürzlich der Umzug an – die Orangeriepflanzen sind wieder in ihr Winterquartier in Bendeleben eingezogen. Dort nehmen die 72 Kübelpflanzen einen ganzen Trakt des barocken Orangeriegebäudes ein. Über den Winter werden die Pflanzenschätze regelmäßig begutachtet und gepflegt. Bei Transport und Winterung der kälteempfindlichen Pflanzen wird die STSG durch den Bauhof der Gemeinde Kyffhäuserland unterstützt.

Über den Sommer schmücken hochstämmige Fuchsien, Granatapfel, Kirschmyrte, Lorbeer, Oleander, Bleiwurz, Enzian, Phönixpalmen, Brautmyrte und Hammerstrauch in Holzkübeln den Lustgarten von Schloss Sondershausen und den Marstallvorplatz. Zu den Giganten zählt eine Fächerpalme mit über 5 Metern Höhe, auch sie hat die Reise ins Winterquartier angetreten.

Orangeriepflanzen auf Schloss Sondershausen,
Foto: Schatzkammer Thüringen, Marcus Glahn

Die heutige Orangerie-Kübelpflanzensammlung im Schlosspark Sondersausen knüpft an eine lange Orangeriegeschichte in der Schlossanlage an. Schon im 18. Jahrhundert prägten Orangeriepflanzen den barocken Lustgarten vor dem Westflügel des Schlosses. Lorbeer und Zitrus als Hochstämmchen gehörten zum Standardbestand einer fürstlichen Orangerie, im 19. Jahrhundert kamen Palmen hinzu. Zu den Spezialitäten der Sondershäuser Schlossgärtnerei gehörte die Ananaskultur.

Die historischen Winterungsgebäude der fürstlichen Orangerie in Sondershausen befanden sich westlich des Marstalls. Von den einst umfangreichen Bauten sind nur noch Reste erhalten. Deshalb finden die Orangeriepflanzen aus Sondershausen im Winter in der Orangerie Bendeleben Aufnahme.

Abtransport der Kübelpflanzen auf Schloss Heidecksburg,
Foto: STSG, Franz Nagel

Auch auf Schloss Heidecksburg in Rudolstadt hieß es für gut 40 große Holzkübel mit Zitrus- und Lorbeerbäumen, Palmen, Keulenlilien und Oleander Umzug ins Winterquartier. In einer beauftragten Gärtnerei werden sie gepflegt und regelmäßig durch die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten in Augenschein genommen. Im Frühjahr kehren die Kübelpflanzen dann in den Schlosshof zurück und entfalten hier wieder ihre grüne Pracht.

Auf einem Lastwagen werden die Kübelpflanzen auf Schloss Heidecksburg ins Winterquartier gebracht,
Foto: STSG, Franz Nagel

Die mediterranen Kübelpflanzen gehören seit der Frühen Neuzeit zur Gartentradition auf Schloss Heidecksburg. Im 18. Jahrhundert zierten sie unter anderem das Gartenparterre auf der unteren Schlossterrasse um das Schallhaus. Der heutige Pflanzenbestand knüpft daran an. Ergänzt werden die Kübel durch die Saisonbepflanzung in gusseisernen Vasen auf den steinernen Balustraden des Schlosshofs.

Gewächshaus mit Kübelpflanzen im Schlosspark Altenstein,
Foto: STSG, Toni Kepper

Im Schlosspark Altenstein überwintern neben bis zu 4000 Teppichbeetpflanzen, Palmen, Oleander und Agaphantus in zwei neuen Foliengewächshäusern am historischen Standort der Schlossgärtnerei, die in den 19670er Jahren abgerissen wurde. Mit Heizung, Strom und Wasser ausgestattet, bieten die beiden Doppelfoliengewächshäuser rund 300 Quadratmeter Platz und zwei verschiedene Temperaturbereiche zur Überwinterung. Mit den neuen Gewächshäusern kann der frostempfindliche Pflanzenbestand jetzt wieder in Eigenregie erfolgen, wie schon vor rund 130 Jahren. Das bringt Vorteile in der Bewirtschaftung der Parkanlage durch kürzere Transportwege mit sich und mehr Unabhängigkeit in der Pflege. Gießen, Temperaturüberwachung und Lüftung liegen auf dem Altenstein seit letztem Jahr wieder in Schlossgärtnerhand.


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