Erst wird gerollt, dann gelötet – vor den Augen der Anwesenden, die lange auf diesen Moment gewartet haben, werden zwei prall gefüllte Kupferhülsen verschlossen. Auf ihnen ist sogar das Datum eingraviert. In die eine Hülse kehren die Millionen in den bereits auf einer Bank stehenden Turmknopf der Burghaube zurück. Gut in Luftpolsterfolie eingewickelt ist er frisch restauriert und gerade aus der Werkstatt zurück. Er wartet geduldig, während die neuen und alten Dokumente, die heute als Zeitzeugnisse in den Knopf für die nächsten Generationen zurückkehren, vorsichtig zusammengerollt und eingelegt werden. Vor rund acht Monaten war der Turmknopf im Rahmen der Sanierung der Turmhaube des Palas abgenommen worden. In einer Hülse in seinem Inneren tauchten Dokumente von 1868 bis 1982 auf, darunter Inflationsmillionen, Chroniken, Prospekte und auch eine Silbermedaille, geprägt anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt Weißensee 1962. Während der Turmknopf restauriert wurde, wurden die Dokumente gesichtet und digitalisiert.

Ein Pfund Brot für 4 Millionen Mark – Wucher wäre da aus heutiger Sicht gar kein Ausdruck. 1923 jedoch normal, damals hatte die Hyperinflation auch Thüringen fest im Griff. Im Turmknopf bewahrte Chroniken aus den Jahren 1982, 1923, 1882 und 1869 geben Einblicke in den damaligen Alltag, Unwetterereignisse und die Baugeschichte der Burg.
Foto: STSG, Uta Kolano
Der Turmknopf aus dem 19. Jahrhundert wurde in der Metallwerkstatt restauriert. Er besteht aus Kupfer und hat einen Durchmesser von 45 Zentimetern. Über eine Helmstange ist ihm noch eine Wetterfahne aufgesetzt. Zuvor nur angestrichen, erhielt er in der Werkstatt jetzt auch eine dünne Goldschicht.
Auf der weinroten Samtdecke im Burghof liegen an diesem Tag auch ein paar neue Zeitzeugnisse bereit, darunter eine Zeitung, die an diesem Tag das Konterfei von Nina Hagen ziert. Auch eine fortgeschriebene Chronik darf nicht fehlen, hinzu kommen noch ein Schnitt der Haubenkonstruktion und zwei Fotos aus der Sanierungszeit. Und auch ein Schreiben der Stadt Weißensee, das der Bürgermeister höchstpersönlich mitgebracht hat, wird mit eingelegt. Burg und Stadtgeschichte sind untrennbar miteinander verbunden. Viele sind gekommen, um den Sanierungserfolg zu feiern, die Turmhaubensanierung ist ein wichtiger Schritt zum Erhalt der Anlage, die vielen am Herzen liegt. Eine besondere Überraschung haben die Münzfreunde Weißensee in Petto. Sie haben einen Satz Goldmünzen dabei, darunter eine Sonderprägung mit der neuen Turmhaube.


Gut gefüllt und fest verlötet, werden die Dokumentenhülsen wieder in den Turmknopf eingelegt. Dann kehrt der Knopf an den höchsten Punkt der Burg zurück und nimmt seinen Platz auf dem Kaiserstiel wieder ein. Dafür war das Schutzdach über dem rund 30 Meter hohen Baugerüst am Palasturm rückgebaut worden.
Rund ein Jahr lang wurde die Turmhaube saniert. Dabei war das Ziel, so viel Substanz wie möglich von der historischen Holzkonstruktion zu erhalten, die noch aus dem 16. Jahrhundert stammt. Nur schadhafte Teile wurden ausgetauscht. Dabei kamen auch historische Handwerkstechniken zum Einsatz. Nach der Sanierung des Dachstuhls folgte die Neueindeckung. Bei Wind und Wetter arbeiteten sich die Dachdecker dabei an dem 200 Quadratmeter großen geschwungenen Dach von unten nach oben vor und verarbeiteten dabei rund acht Tonnen Schiefer. Gearbeitet wurde nach dem Prinzip der Altdeutschen Deckung.

Foto: STSG, Tino Trautmann

Die Altdeutsche Deckung bezeichnet eine spezielle historische Handwerkstechnik, bei der die Schieferplatten direkt am Dach nach Augenmaß bogenförmig zugerichtet werden, bevor sie in diagonalen Fluchten aufgenagelt werden. Von unten nach oben nimmt die Größe der Platten dabei schrittweise ab.
Foto: STSG, Tino TrautmannMit der Haubensanierung ist ein lang ersehntes Ziel erreicht. Der Turmschaft ist bereits seit einigen Jahren saniert, für die Haubensanierung reichten damals die finanziellen Mittel allerdings nicht mehr. Eine Noteindeckung aus Dachpappe und Planen schützte seither die historische Haubenkonstruktion und den Schaft vor eindringender Feuchtigkeit. Das von Bund und Land finanzierte Sonderinvestitionsprogramm I der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten machte die Sanierung der Haube nun möglich. Rund eine Millionen Euro kostete das Baugeschehen in luftiger Höhe.

Mit dem Aufsetzen des Turmknopfs samt Wetterfahne ist die Haubensanierung nun abgeschlossen und die Freude groß. Aber die Bauarbeiten im SIP I auf der Burg Weißensee gehen noch weiter. Im Inneren des Palasturms wird noch eine Treppe bis direkt unter die Haube ergänzt, die Vorbereitungen dafür haben im letzten Jahr begonnen. In einem weiteren SIP-I-Projekt wird in der Burganlage ein rund 50 Meter langer Abschnitt der Ringmauer saniert. Dabei entsteht an der Stelle einer historischen Maueröffnung zudem ein zweiter Fluchtweg für die Burganlage. Auch dafür laufen die Bauarbeiten bereits seit letztem Jahr.
Hoch über der Burg dreht sich jetzt wieder die Wetterfahne im Wind. Regen und Witterung können Haube und Turm nun vorerst nichts mehr anhaben.
Anke Pennekamp

Die Anfänge der Burg Weißensee reichen bis in die Romanik zurück. Landgräfin Jutta legte damals den Grundstein für die mittelalterliche Burganlage auf halber Strecke zwischen den Landgrafensitzen Wartburg und der Neuenburg bei Freyburg. Palas und Turm stammen noch aus der Erbauungszeit der Burg. Im 16. Jahrhundert wurde die Burg zum Schloss und zum Verwaltungssitz ausgebaut. Damals kam es auch an Palas und Turm zu baulichen Veränderungen. Die Turmhaubenkonstruktion stammt noch aus dem 16. Jahrhundert und wurde jetzt im SIP I im Bestand saniert. Parallel wird auch ein Ringmauerabschnitt saniert.
Foto der Burg Weißensee mit den beiden SIP Baustellen 2024: STSG, Thomas Müller