Kloster Paulinzella als Jubliläums-Baukasten

Romanik en miniature

KulturgeschichteVermittlung
Die ehemalige Klosterkirche Paulinzella zählt zu den bedeutendsten romanischen Sakralbauten Mitteldeutschlands. 2024 feiert sie Jubiläum. Ganze 900 Jahre alt wird der Bau, der seit dem 18. Jahrhundert als Ruine gepflegt und bewundert wird. Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (STSG) und ihre Partner in der früheren Klosteranlage, das Thüringer Landesmuseum Heidecksburg und Thüringen Forst, stellen dazu ein umfangreiches Programm auf die Beine. Dazu gesellt hat sich die Ankerstein GmbH Rudolstadt, sie hat die Ruine als Baukasten nachempfunden.

Ankersteine, die kultigen Bausteine aus Sand, Rügener Schlämmkreide und feinem Leinöl der gleichnamigen Manufaktur aus Rudolstadt, haben eine lange Tradition. Von den Fröbelschen Holzklötzen inspiriert, kreierten die Gebrüder Lilienthal sie 1875. Der Unternehmer Friedrich Adolf Richter ließ sich die Rezeptur schließlich patentieren und entwickelte daraus das erste Systemspielzeug der Welt. So neu wie das Spielzeug war, so erfolgreich war es international. Richter wurde bald Hoflieferant verschiedener Königshäuser und expandierte nach Wien, Amsterdam, St. Petersburg und New York. Bis heute folgt man in Rudolstadt der alten Rezeptur und stellt Ankersteine in liebevoller Handarbeit her.

Messbild des Langhauses – Grundlage für die Entstehung des Baukastens
Foto: Pons Asini

Glaube, Forst und Monarchie – die Geschichte von Kloster Paulinzella

Begründerin des Klosters war die sächsische Adelige Paulina. Das religiöse Leben war ihr nicht vorherbestimmt. Erst nach dem Tod ihres zweiten Mannes widmete Paulina sich vollends dem Glauben. Die Witwe zog etwa 1102 mit einem kleinen Frauenkonvent in den Thüringer Wald und gründete dort wenig später das Doppelkloster Marienzelle. Der männliche Teil des Konvents wurde mit Benediktinermönchen aus dem Kloster Hirsau besetzt, wohin sich auch ihr Vater nach dem Tod seiner Frau, Paulinas Mutter, zurückgezogen hatte. Im weiblichen Teil des Stifts lebten unter anderen Adelige aus der Region. 1106 bekam Paulina die päpstliche Genehmigung zur Klostergründung. Noch zu ihren Lebzeiten wurde mit dem Bau der Klosterkirche begonnen. Die Fertigstellung erlebte sie nicht mehr, denn sie starb bereits 1107 nach einem Sturz vom Pferd. Ihre Leiche wurde nach Paulinzella überführt und dort in einer kleinen steinernen Kapelle bestattet, von der es keine Überreste mehr gibt. Einige Jahre später wurden ihre Gebeine in die neu errichtete Klosterkirche umgebettet. Ab diesem Zeitpunkt verdrängte der Name „Paulinzella“ den ursprünglichen Klosternamen Marienzelle.

Bewunderte Ruine

Nach der Reformation wurde das Kloster aufgehoben und gelangte in den Besitz der Grafen von Schwarzburg. Sie machten das Kloster zur Domäne, also zu einem Wirtschaftsbetrieb, richteten ein großes Amtshaus ein und bauten eines der alten Klostergebäude in ein Jagdschloss um. Die übrigen Klostergebäude, vor allem die Kirche, dienten lange Zeit als Steinbruch. Nicht nur im Jagdschloss vor Ort, sondern auch im Schloss Gehren, finden sich Steine der Klosterkirche wieder. Erst Fürst Johann Friedrich von Schwarzburg-Rudolstadt (1721 – 1767) stoppte 1756 den Raubbau am Baukunstwerk. Die Ruine wurde zum Gegenstand romantischer Verehrung des Mittelalters. „Sie ist wahrlich schön und die schönste christliche Ruine von Architektur, die mir je vorgekommen ist. (…) Es fehlt einem (…) wirklich etwas Wesentliches, wenn man sie nicht gesehen hat“, schrieb Wilhelm von Humboldt im September 1810, nachdem er Kloster Paulinzella besucht hatte.

Georg Michael Kraus: Paulinzella, um 1800

Kloster Paulinzella feiert Jubiläum

Die Ruine als Anker-Baukasten für Zuhause ist längst nicht der einzige Beitrag zum Klosterjubiläum 2024. Die drei Partner planen ein abwechslungsreiches Jahresprogramm. Neben Führungen, Kinderangeboten, Aktionstagen, Festen und Märkten wird es Lesungen und Vorträge geben. Dabei bringen Forst, Museum und STSG jeweils ihre Kompetenzen ein. Der Thüringen Forst legt beispielsweise ein Augenmerk auf seine wunderbare Arbeit in der Waldpädagogik, auf den Wald um Paulinzella, auf seine Forstarbeit und aktuelle Herausforderungen bedingt durch Klimawandel, Wasserknappheit und Monokulturen. Hier schließt sich der Kreis zum mittelalterlichen Kloster, dessen Idee, Bauen und wirtschaftliches Handeln – ganz ohne den modernen Begriff zu benutzen – im besten Sinne nachhaltig waren. Daran knüpft übrigens auch der Anker-Bausteinkasten an, dessen Material auf natürlichen Grundstoffen basiert und Generationen überdauern kann.

Maria Porske

Nachhaltigkeit in Geschichte und Gegenwart

Nur geborgt – Nachhaltigkeit und kulturelles Erbe

DenkmalpflegeKulturgeschichteSonderinvestitionsprogramm I
Nachhaltigkeit ist in aller Munde, die Idee hinter dem Wort ist existenziell. Schon mehrfach in der Geschichte rettete der Gedanke menschlichen Lebensunterhalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Idee ist jahrtausendealt, ihre Umsetzung mindestens Jahrhunderte – zunächst aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Wenn Ressourcen zu versiegen drohten, wuchs der Handlungsdruck. Die Gegenmaßnahmen taten ganz nebenbei oft auch der Natur gut.

Akut wurde die Ressourcenfrage in Europa in der Frühen Neuzeit. Im 17. Jahrhundert begannen die Wälder zu schrumpfen, das für die rasant wachsende vorindustrielle Wirtschaft grundlegende Baumaterial und Verbrauchsgut Holz wurde zusehends knapp. Die Sicherung von Holzressourcen für künftige Generationen war auch in Thüringen immer wieder bestimmendes Thema. Im 18. Jahrhundert reagierte Herzogin Anna Amalia mit einer Reform. In ihrem Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach veranlasste sie eine gründliche Inventur der Wälder und eine nachhaltige, auf viele Jahrzehnte vorausschauende Planung von Holzeinschlag und Aufforstung. Nicht mehr nur an die Einnahmen des nächsten Jahres oder in der eigenen Lebenszeit zu denken, sondern an die Lebensgrundlagen späterer Generationen, war eine rationale Entscheidung für das Prinzip der Nachhaltigkeit.

Als Anna Amalia 1775 die Regierungsgeschäfte an ihren nun volljährigen Sohn Carl August übergab, holte der junge Herzog den Dichter Johann Wolfgang Goethe nach Weimar und betraute ihn in ministerieller Verantwortung unter anderem mit dem, was wir heute Ressourcenmanagement nennen würden. Zu den Aufgaben Goethes gehörte ab 1789 auch die Leitung der Kommission, die den Wiederaufbau des Weimarer Residenzschlosses zu organisieren hatte. Das Schloss, erst im 17. Jahrhundert nach einem Brand neu errichtet, war 1774 wiederum abgebrannt und hatte für 15 Jahre als Ruine gestanden. Der Wiederaufbau, vor allem im Inneren, folgte den aktuellen Formideen des Klassizismus. Ein Teil des Schlosses allerdings hatte diesen und schon den vorherigen Brand überstanden und wurde wie damals aus der Modernisierung ausgeklammert: Das Torhaus aus dem 16. Jahrhundert mit dem benachbarten mittelalterlichen Schlossturm und dessen barocke Haube blieben an der Südwestecke der regelmäßigen Anlage stehen und waren den in Symmetriebeziehungen denkenden Architekten sicher ein Dorn im Auge. Doch das Bastille genannte Ensemble zeugte vom Alter der Dynastie und ihrem Einfluss bis zur Reformationszeit, es barg die Erinnerung an die verlorene Kurfürstenwürde und beherbergte traditionell die wichtigsten Regierungsgremien – für die herzogliche Familie und die Legitimation ihres Herrschaftsanspruchs also ein höchst symbolträchtiges Bauwerk.

Damit stand das Weimarer Schloss nicht allein. Auch die benachbarten Herzöge und Fürsten auf dem Gebiet des heutigen Thüringen setzten auf Sichtbarkeit des Alters und der gewachsenen Baustrukturen. Veränderten Anforderungen begegneten sie in den meisten Fällen nicht mit Abriss und Neubau, sondern mit dem Weiterbauen im Bestand. Zwar stand dabei nicht explizit das Konzept der Nachhaltigkeit Pate, das Handeln kann aber aus diesem Blickwinkel betrachtet werden – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Das Ergänzen und Umbauen begrenzte zunächst den Aufwand auf das Notwendige und ließ das noch Brauchbare bestehen. Das erlaubte einen sparsameren Umgang mit den Finanzen, den Materialien und den Arbeitskräften. Zugleich vermittelten asymmetrische Bauten wie die Residenzschlösser Altenburg und Sondershausen mühelos eine jahrhundertelange Geschichte, und dieser Effekt strahlt auf die dort residierenden Familien ab. Neben Ressourcenschonung bringt die unter Thüringer Dynastien besonders ausgeprägte Strategie des sparsamen Weiterbauens also auch ideelles Kapital. Ob finanzielle Not oder bewusste Entscheidungen zu diesen Strategien führten – sicher ist, dass man sie mit Selbstbewusstsein vertreten konnte.

Solche gewachsenen Denkmale der Nachhaltigkeit können heute als Vorbilder dienen, bergen aber auch Schwierigkeiten. Sie zu erhalten, ist oft eine Aufgabe mit vielen unbekannten Faktoren. Veränderungen waren nicht selten mit konstruktiven Kompromissen verbunden. Es fehlte meist an genauen Kenntnissen, was man den vorhandenen Wänden und Decken zumuten konnte. Überlastungen und über die Zeiten hinweg eingeschlichene Fehler in der Konstruktion sind deshalb eher die Regel als die Ausnahme in historisch gewachsenen Bauten. Dem begegnen spezialisierte Architekten und Ingenieure heute mit viel Fingerspitzengefühl und gründlichen Untersuchungen – so wie derzeit an 13 Thüringer Kulturdenkmalen im Sonderinvestitionsprogramm I der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten mit einem Volumen von 200 Millionen Euro, jeweils zur Hälfte gefördert von Bund und Land.

Dabei werden viele Bauten erstmals als Gesamtheit in den Blick genommen. Statische Strukturen werden ermittelt und die Ableitung von Lasten bis tief in den Baugrund hinein nachvollzogen. Auf der Grundlage solchen Wissens können die Eingriffe auf das Notwendige begrenzt werden. Hölzer werden möglichst nur verstärkt statt ersetzt, Mauerwerk wird stabilisiert, damit es seine Funktion weiter ausüben kann. Denn Priorität hat der Erhalt der Substanz – als konstitutiver Bestandteil des Denkmals und als historisches Beispiel.

Mit der Notwendigkeit nachhaltigen Bauens hat das Weiterbauen im Bestand auch außerhalb des Denkmalbereichs wieder an Bedeutung gewonnen. Als modernes Konzept steht das Weiterbauen für Ressourcenschonung und für das Weiterentwickeln vorgefundener Bautechnologien. Wie an den Baugeschichten gewachsener Schlösser ablesbar, können Materialien oder Bauteile weiter- und wiederverwendet werden. Aber auch beim Neubau kommen historische Arbeitsweisen wieder verstärkt zum Einsatz oder dienen als Anregung.

Ressourcen sparsam einzusetzen und negative Folgen wie schwer zu bewältigende Abfälle zu vermeiden, gehört zu den Grundideen nachhaltigen Handelns. Entscheidend ist das Bewusstsein der Verantwortung gegenüber späteren Generationen. Manchmal hilft dabei ein Blick in die Geschichte mit dem Wissen um die Möglichkeiten der Gegenwart.

Franz Nagel

Badezimmer im Westflügel wird eingelagert

Verborgener Sanitärkomfort

BaugeschehenDenkmalpflegeKulturgeschichte
Vor ungefähr 130 Jahren zog moderner Komfort auf Schloss Friedenstein ein. Wichtigste Veränderung für die Schlossbewohner war wohl der Einbau von Badezimmern. Eines davon, das einzige erhaltene im zweiten Obergeschoss des Westflügels, hat nun sein verborgenes Separée zwischen Weimargalerie und klassizistischen Prunkräumen verlassen – aber nur, um geschont zu werden und später wieder an seinen Platz zurückkehren zu können.

Badezimmer mit Holzvertäfelungen, Foto: STSG, Sabine Jeschke

Weichen musste die hölzerne Badausstattung, um den Blick auf die Baukonstruktion freizugeben. Hinter den Wänden und vor allem unter dem Boden vermuten die Fachleute Schäden durch Nässe. Denn auch wenn 1896 die modernste Technologie zum Einsatz kam, wird das kaum Auswirkungen von Wasser und Dampf auf Decken und Wände verhindert haben. Die Untersuchungen bereiten Sanierungsarbeiten im Westflügel vor, die im Rahmen des von Bund und Land finanzierten 110-Millionen-Euro-Budgets durchgeführt werden sollen.

Türen zu Dusche und WC, Foto: STSG, Sabine Jeschke

Das Badezimmer wurde damals mit bemalten Holzvertäfelungen und im oberen Bereich mit einer Linkrusta-Tapete – einer auf Leinen basierenden Prägetapete – ausgekleidet. Vom Waschraum trennte man eine Duschkabine und ein WC ab. Über der Duschkabine gab es einen Wasserkasten, der für den nötigen Wasserdruck sorgte. Erhalten sind nicht nur die Trennwände und Wandvertäfelungen, sondern beispielsweise auch der große Zinkbleck-Duschkopf, die Wasserregler und das Duschbecken, eine flache hölzerne Wanne mit Bleiauskleidung. Die ursprünglich vorhandene Badewanne ging im 20. Jahrhundert verloren, als das historische Bad mit Kunststoffplatten und neuer Sanitärkeramik für die Nutzung durch das Museumspersonal modernisiert wurde.

Duschkopf aus Zinkblech, Foto: STSG, Sabine Jeschke

Der Einbau des Badezimmers 1896 stand im Zusammenhang mit Umbauarbeiten, die vor allem dem Wohnkomfort und einer Modernisierung von ausgewählten Bereichen im Schloss dienten. Aus dieser Zeit stammt beispielsweise auch die Gestaltung der Herzogstreppe im Ostflügel, heute der Hauptzugang zum Schlossmuseum. Das erhaltene Bad ist das einzige erhaltene von mehreren damals eingebauten Räumen dieser Art im Westflügel.

Franz Nagel

Welterbe-Vorhaben „Thüringische Residenzenlandschaft“

Neun Residenzen, ein Kulturerbe

KulturgeschichteVermittlung
Ganz Deutschland hatte kurz nach 1800 das Heilige Römische Reich deutscher Nation hinter sich gelassen. Ganz Deutschland? Nein – in einem überschaubaren Landstrich im Zentrum des 1806 aufgelösten Reichs blieben zumindest dessen kleinteilige Strukturen erhalten. Auf dem Gebiet des heutigen Thüringens existierten noch das ganze 19. Jahrhundert hindurch und bis zur Revolution 1918 eine Reihe von Kleinstaaten, zum Teil kleiner als heutige Landkreise. Regiert wurden sie von Teillinien der Häuser Wettin, Schwarzburg und Reuß. Die neun Kleinstaaten waren bereits das Ergebnis einer Konsolidierung. Um 1700, als die Erbteilungen ihren Höhepunkt erreicht hatten, existierten hier für kurze Zeit rund 20 Einzelherrschaften gleichzeitig. Jeder der kleinen Staaten verfügte über eine Residenz und eine Infrastruktur für Hofhaltung und Landesverwaltung.

Als in den meisten anderen Teilen Deutschlands im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen kleine Territorien aufgelöst und zu größeren Staatsgebilden zusammengeführt wurden, konnten die Thüringer Fürsten erfolgreich ihre Eigenständigkeit zumindest in Form einer Teilsouveränität bewahren. Mit ihnen blieben auch die Bauten erhalten, in denen residiert und regiert wurde. Thüringen verfügt deshalb über neun Residenzen in acht Residenzstädten, die seit der Frühen Neuzeit bis 1918 fast vollständig durchgängig als Regierungssitze dienten.

Oberes Schloss Greiz, Foto: TSK, Jacob Schröter

Den Zeitgenossen entging die zuweilen kuriose Kleinteiligkeit nicht. Nicht selten war sie auch Gegenstand von Spott und Infragestellung. Umso wichtiger war für die Fürsten eine sichtbare Legitimation. Dazu leisteten die Residenzschlösser selbst einen wichtigen Beitrag. Sie wurden über Jahrhunderte ausgebaut, verändert und ergänzt. Oft blieb Altes dabei erhalten – manchmal aus Gründen der Sparsamkeit, oft aber wohl auch im Bewusstsein des sozialen Kapitals, den das Alter eines sichtbaren Bauteils bedeutete.

Residenzschloss Altenburg

Das erkennbare Alter der Gebäude und ihres Gewachsenseins über Jahrhunderte zahlte sich aus, zeigte es doch die lange Herrschaftstradition der dort regierenden Dynastie. Dieser Wert wurde auch über das 19. Jahrhundert getragen und oft durch historisierende Bauprojekte noch verstärkt. Bis heute ist deshalb an den Residenzschlössern in Thüringen die Geschichte ablesbar. In einer solchen Dichte, engen Vernetzung und gegenseitigen Beeinflussung wie in Thüringen ist die aus dem Heiligen Römischen Reich erhaltene Residenzenlandschaft nirgendwo sonst baulich integer und in eindrucksvoller Originalität überliefert.

Schloss Friedenstein Gotha

Das Land Thüringen hat deshalb bei der Kultusministerkonferenz beantragt, die Thüringische Residenzenlandschaft in die nächste deutsche Vorschlagsliste des UNESCO-Welterbes aufzunehmen. Den Antrag dafür hat die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten mit einem eigens eingerichteten Welterbe-Kompetenzzentrum erarbeitet. Noch 2023 wird die Entscheidung der Kultusministerkonferenz über die nächste deutsche Kandidatenliste erwartet. Wird der Vorschlag aufgegriffen, kann der Antrag für das UNSECO-Welterbekomitee erarbeitet werden, ein umfangreiches wissenschaftliches und gesellschaftliches Unterfangen.

Franz Nagel

Diese neun Residenzen in acht Residenzstädten sind Teil des Antrags:

  • Residenzschloss Altenburg
  • Residenzschloss Sondershausen
  • Residenzschloss Heidecksburg Rudolstadt
  • Residenzschloss Weimar
  • Residenzschloss Elisabethenburg Meiningen
  • Residenzschloss Friedenstein Gotha
  • Residenzschloss Ehrenburg Coburg
  • Residenz Oberes Schloss Greiz
  • Unteres Schloss Greiz
Klimawandel und Gartendenkmalpflege

Kunst aus bedrohtem Material

DenkmalpflegeGartenkultur
Historische Gärten nutzen als gestaltete Natur einer Vielzahl von Pflanzen als künstlerisches Medium, das dem natürlichen Zyklus des Wachsens und Vergehens unterworfen ist. Gartenkunstwerke sind besonders empfindlich für die Umweltbedingungen und Klimaeinflüsse. Wenn sich das Klima grundlegend verändert, hat dies auch Auswirkungen auf die historischen Gärten in Thüringen. Die Klimaforschung hat für das Gebiet des Freistaats bisher bereits verschiedene klimatische Veränderungen für die letzten Jahrzehnte festgestellt und im steigenden Maße für die Zukunft prognostiziert. Die Auswirkungen können dabei allgemein sein, für einzelne Naturräume – und dazu zählen auch Parks und Gärten als besonders gehegte Horte der Artenvielfalt – haben sie schon jetzt teils dramatische Folgen.

So prognostizieren Modellrechnungen bis zum Jahr 2100 einen Anstieg der Jahresmitteltemperaturen, die Jahresniederschlagsmengen könnten annähernd konstant bleiben. Allerdings wird langfristig eine sinkende Niederschlagsmenge in den Sommermonaten erwartet, der eine steigende Menge in den Wintermonaten gegenübersteht. Dazu wird langfristig mit häufigeren und intensiveren Starkregenereignissen gerechnet. Bedeutend für die historischen Gärten sind darüber hinaus die häufiger auftretenden und an Stärke zunehmenden Stürme, die zu großflächigem Windbruch führen.

Thüringer Beispiele zeigen, dass klimatische Auswirkungen auf die Parkanlagen teils dramatische Folgen haben und die Notwendigkeit zur weiteren Erforschung, präventivem Schutz sowie zu einer angemessenen haushälterischen, und personellen Ausstattung besteht, um auch unter sich ändernden Umweltbedingungen die Anlagen als Kulturdenkmale zu erhalten. In den Jahren 2018 bis 2020 waren die Baumverluste in Anlagen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten jeweils etwa dreimal so groß wie im Durchschnitt der Vorjahre.

Windbruch im Schlosspark Altenstein, Foto: STSG, Dietger Hagner

Sturm, Starkregen, Trockenheit

Besonders anfällig ist der Schlosspark Altenstein mit seiner Lage im nordwestlichen Thüringer Wald mit bergiger Topographie und hohem Parkwaldanteil. Stürme, starke Regenfälle, aber auch plötzliche Wintereinbrüche, haben sich in Häufigkeit und Intensität in den letzten Jahren deutlich verstärkt. Während es in der Vergangenheit erfahrungsgemäß vielleicht alle 10 bis 20 Jahre stärkere Stürme gab, war der Park allein zwischen 2007 und 2013 dreimal betroffen. Massive Schäden und Verluste im historischen Baumbestand waren die Folge. Starke Regenfälle schädigen immer häufiger das rund 20 Kilometer lange Wegesystem.

Im Herzoglichen Park Gotha ist die Trockenheit das drängendste Problem. Nach mehreren niederschlagsarmen Jahren ist der Stress für die zum Teil 250jährigen Gehölze inzwischen so groß, dass Vorschädigungen oder Schädlinge leichtes Spiel haben. Die Gehölze reagieren zunehmend mit Wachstumsproblemen und Vitalitätsverlusten und können zum Totalausfall einer ganzen Art führen, woraus sich eine massive Beeinträchtigung des originalen Artenspektrums im Park ergibt.

Kein Widerspruch zur Trockenheitstendenz sind Hochwasserereignisse infolge starken Regens. Der Fürstlich Greizer Park ist mit beiden Gefahren konfrontiert. Das jüngste Hochwasser 2013 überflutete den Park mit einem Pegelstand von sechs Metern. Problematisch waren neben dem Wasserstand vor allem zerstörerische Strömungen. Die Langzeitfolgen sind immer noch zu spüren und überlagern sich mit den Trockenheitsschäden der auf das Hochwasser folgenden Jahre. Waren die Bäume 2013 durch zu viel Nässe und Schlammauflagen geschwächt, werden sie nun oft nicht ausreichend mit Wasser versorgt.

Hochwasserschäden im Fürstlich Greizer Park 2013,
Foto: STSG, Hajo Dietz Luftbildfotografie

Klimafolgeschäden verursachen einen erheblich erhöhten Aufwand für die Parkpflegeteams und verlagern deren Arbeitsschwerpunkte. Gartendenkmalpflegerische Aufgaben wie die Wiederherstellung historischer Gestaltungszustände und die laufend notwendigen Pflegearbeiten drohen in den Hintergrund zu rücken, während die Pflichten der Verkehrssicherung, der Bestandserhalt und die Regeneration verlorener Pflanzungen in den Vordergrund drängen. Die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten arbeitet intensiv mit verschiedenen Partnern an wissenschaftlich fundierten Lösungsstrategien gartendenkmalpflegerischer Qualität im Umgang mit klimasensiblen Kulturdenkmalen. Zudem wächst mit den Klimafolgen der finanzielle Bedarf für die Parkpflege, zudem wird die ohnehin knappe Personalsituation in den Parkteams zusätzlich verschärft.

Strategien der Gartendenkmalpflege

‚Resilienz‘ und ‚Habitus‘ sind dabei die entscheidenden Fachbegriffe, wenn es in der modernen Gartendenkmalpflege um Gehölze, vor allem aber um Bäume geht. Wie das Fachgebiet selbst, haben auch die hinter diesen Begriffen stehenden Konzepte eine viele Generationen zurückreichende Tradition, bedürfen aber einer zeitgenössischen Auslegung und Praxis. Kern der Gartendenkmalpflege ist der Erhalt von Kunstwerken aus lebendem Material. Das Ersetzen von Pflanzen gehört zur Geschichte eines Gartens und ist deshalb eigentlich traditionelles Alltagsgeschäft. Allerdings hat der Klimawandel in den letzten Jahren die Bedingungen rasant verändert, in dessen Folge die gartenkünstlerische Funktion von Bäumen immer häufiger nicht durch Altersschwäche verlorengeht, sondern durch Trockenstress.

Genbasierte Vorgehensweisen sollen nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie ermöglichen Resilienz –also möglichst hohe Toleranz gegenüber Klimafolgen – und stellen möglichst große Ähnlichkeit mit dem Habitus eines Baums – also seiner Wuchs- und Kronenform – sicher. In der Forstwirtschaft ist das schon lange Standard. Es ist sogar naturschutzrechtlich festgelegt, dass Gehölze in freier Landschaft nicht aus anderen Naturräumen kommen dürfen. Der Grund ist ganz einfach: Pflanzen passen sich an die Klima- und Bodenbedingungen an und speichern die speziellen Eigenschaften in ihrem genetischen Code. Wenn man ihn nutzt, ist die Anpassungsfähigkeit an weitere Entwicklungen deutlich größer, die Pflanzen sind resilienter. Und es ist ein Beitrag zur genetischen Vielfalt: Je mehr unterschiedliche regionale Genpools wir haben, desto größer ist die Auswahl an Anpassungsformen, von deren späterem Nutzen man jetzt vielleicht noch gar nichts weiß.

Dietger Hagner