Im Westflügel von Schloss Friedenstein gingen 2025 die Bauarbeiten für einen wichtigen Erschließungskern mit großen Schritten voran – ein neues Treppenhaus mit Aufzug für die barrierearme Erschließung soll im Frühjahr 2026 eröffnet werden. Im Schlosshof wurde Innovatives erprobt, dort drehte sich alles um die Mustersanierung eines Arkadenpfeilers mit weicher Schale und hartem Kern. Und auch im ersten und zweiten Obergeschoss des Westflügels wurde dem Schloss auf den Zahn gefühlt, freigelegte Bauteile offenbarten dort den Experten notwendige Erkenntnisse zur Schlosskonstruktion für die Sanierungsplanung. Damit war es möglich im Januar 2025 die Entwurfsplanung für die Sanierung des Westflügels – ein technisch und denkmalpflegerisch anspruchsvolles Großprojekt – zur Prüfung einzureichen, bei einer so umfangreichen Maßnahme ein entscheidender Schritt, der zum Kern der Sanierungsplanung gehört. Und auch für Ostflügel und Ostturm konnte die Entwurfsplanung kürzlich zur Prüfung eingereicht werden.

Foto: STSG, André Kranert
Ausbauarbeiten für die neue Erschließungsachse im Westflügel von Schloss Friedenstein.
Foto: STSG, André KranertNeue Erschließungsachse
Seit Mitte 2024 läuft der Ausbau des neuen Erschließungskerns im Westflügel des Gothaer Barockschlosses auf Hochtouren, bereits mit der Dachsanierung 2021 war er im Rohbau entstanden. Das neue Treppenhaus mit Aufzug komplettiert künftig den Besucherrundgang und macht ihn – zusammen mit dem ebenfalls mit einem Aufzug ausgestatteten Herzoglichen Treppenhaus – weitgehend barrierefrei. Elektroinstallationen, Bodenbeläge und Wandputz gehörten zu den Ausbaugewerken, die im letzten Jahr im Fokus standen. Auch neue Sanitäranlagen für Besucherinnen und Besucher entstehen hier.


Die neue Erschließungsachse bietet zudem Platz für Personal- und Technikräume. Das Treppenhaus erschließt künftig alle Geschosse von Westflügel und Westturm. Aber auch als Fluchtweg kommt ihm in der weitläufigen Schlossanlage wichtige Notwendigkeit zu. Entsprechend DIN-Normen und Vorschriften spielt auch der Brandschutz beim Ausbau eine große Rolle.
Wichtige Planungsschritte
Der genaue Blick auf die Baukonstruktion stand in den freigelegten Bereichen in Westflügel und Westturm 2025 im Fokus. 2023 waren im ersten und zweiten Obergeschoss schadhafte Konstruktionen wie Balkenauflager, Stützen und überlastete Decken durch Bauteilfreilegung ans Licht gekommen.

Für unabdingbare Untersuchungen zur Baukonstruktion mussten ausgewählte historische Bodenbeläge und Wandvertäfelungen im ersten und zweiten Obergeschoss des Westflügels vorübergehend weichen und sind in Depots eingelagert. Entfernt wurden außerdem Nachtspeicheröfen, alte schadhafte Sanitärinstallationen, Betonböden für Rollregale der früheren Archivnutzung im Westturm, veraltete Elektrik und vieles mehr. Wo nötig, wurden Auffüllungen und Schutt aus den Decken entfernt, um die sanierungsbedürftige Baukonstruktion freizulegen. In der Summe wurden rund 40.000 Meter Kabel und Kanäle sowie über 900 Tonnen Putz, Beton und Schüttungen rückgebaut.
Foto: STSG, André KranertVermesser, Statiker, Architekten und Bauforscher war es durch die Freilegungen und Rückbauten möglich, die Schäden genau zu analysieren. Erkenntnisse und handwerkliche Lösungen mündeten zusammen mit technischen und sicherheitsrelevanten Anforderungen in die Entwurfsplanung, die im Januar 2025 zur Prüfung bei den Zuwendungsgebern eingereicht werden konnte.
Öffentliche Bauprojekte durchlaufen ein übliches Prozedere in klar definierten Leistungsphasen entsprechend der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI). Die ersten drei Leistungsphasen schließen mit der Einreichung von Antragsunterlagen ab, die Vor- und Entwurfsplanung, detaillierte Kostenberechnungen sowie die denkmalschutzrechtliche Erlaubnis enthalten. Nach Prüfung durch die Zuwendungsgeber wird die baufachliche Genehmigung erteilt. Damit können die weiteren fest vorgegebenen Planungsschritte entsprechend den Leistungsphasen 4 und 5 folgen, die Genehmigungs- und die Ausführungsplanung, und Aufträge an Handwerker vorbereitet und vergeben werden, Leistungsphasen 6 und 7. In Leistungsphase 8 beginnt das Bauen. Die Sanierung von Schloss Friedenstein ist in mehrere Teilprojekte aufgeteilt, die jedes für sich das Prozedere durchlaufen. So konnte das Westflügeldach bereits saniert werden, während beispielsweise die Sanierung von Ostturm und Ostflügel noch die Planungsphasen durchläuft.
Abbildung: Schloss Friedenstein in Gotha, Foto: STSG, André KranertAls ein weiterer wichtiger Planungsschritt wurde auch die Entwurfsplanung für die Instandsetzung des Ostflügels und des Ostturms für die Forschungsbibliothek Gotha im letzten Jahr fertiggestellt und zur Prüfung eingereicht.

Foto: STSG, André Kranert
Die Entwicklung eines Konzepts für die statische Sicherung des Ostturms wurde dabei zur besonders kniffeligen Aufgabe. Die Mauerwerksstruktur ist komplex und erfordert die Festigung und Vernadelung mehrschaliger Wandbereiche. 2024 wurde zu Spezialfragen von Mauerwerk und Mörtelmaterial ein Expertenkolloquium veranstaltet, dessen Erkenntnisse in die weiteren Planungen einflossen. Anhand von Musterflächen wird jetzt das Verfahren erprobt.
Pfeilersanierung
Erprobt wurde 2025 im Schlosshof auch die Sanierung der Arkadenpfeiler. Die Pfeiler bestehen aus einem harten Kalksteinkern und einer weicheren Sandsteinschale, was an einigen Stellen zu statischen Problemen geführt hat, auch aufgrund der enormen Last, die jeder Pfeiler im statischen System des Schlosses zu tragen hat – bis zu 210 Tonnen. Die Sanierung ist ein komplexes Unterfangen, denn dafür müssen die Arakdenpfeiler entlastet werden. Um die Sandsteinschale abbauen und neu aufmauern zu können, muss die darüberliegende Schlossachse um rund 2 Millimeter angehoben werden. Eine innovative mehrarmige Abstützkonstruktion mit Hydraulikpresse und sensibler Messtechnik schuf Abhilfe, engmaschig durch Experten begleitet, wodurch die Pfeilersanierung gelang. Erfolgreich erprobt, kann das Verfahren jetzt auch bei der Sanierung der weiteren Arkadenpfeiler zum Einsatz kommen. Mehr zur Pfeilersanierung gibt es hier zu lesen.
Im Rahmen einer Mustersanierung wurde einer der geschädigten Arkadenpfeiler im Hof von Schloss Friedenstein mit Hilfe einer mehrarmigen Stützkonstruktion entlastet und saniert.
Foto: STSG, André KranertDie 110-Millionen-Euro-Sanierung von Schloss Friedenstein wird jeweils zur Hälfte finanziert von Bund und Land. Ein wichtiger Schwerpunkt im umfassenden Sanierungsprojekt sind statische Maßnahmen, an vielen Stellen erstmals seit der Erbauung des Schlosses Mitte des 17. Jahrhunderts.
Anke Pennekamp