Die Spuren der Zeit sind auf Schloss Schwarzburg allgegenwärtig, ihre Konservierung ist zentraler Bestandteil des denkmalpflegerischen Konzepts für die 2009 begonnene Sicherung und anschließende Teilsanierung des Hauptgebäudes. Und Zeitspuren gibt es im ehemaligen Corps de Logis viele.
Schloss Schwarzburg wurde einst als Stammburg der Grafen von Schwarzburg errichtet. Später zum Barockschloss ausgebaut, war es fürstliche Nebenresidenz. Im Corps de Logis, dem Hauptgebäude der Schlossanlage, waren die fürstlichen Wohn- und Repräsentationsräume untergebracht.
Foto: STSG, André KranertEin brachialer Umbau unter den Nationalsozialisten führte in den 1940er Jahren zu einschneidenden baulichen Veränderungen in der Schlossanlage. Das barocke Hauptgebäude wurde entkernt, ganze Schlossflügel wurden abgerissen. In der Schlossanlage sollte zunächst der belgische König interniert werden, später war geplant, das Schloss zum Reichsgästehaus umzubauen. 1940 begannen die Arbeiten, rund zwei Jahre später folgte dann der Baustopp. Kriegsbedingt wurden die Arbeiten eingestellt. Nach Notsicherungen wurde das Hauptgebäude als Bauruine zurückgelassen. Trotz verschiedener Nutzungsideen im Lauf der Jahre blieb es rund 80 Jahre ruinös.

Von der Statik bis zur Zeitspur
Nach umfangreichen Sicherungsmaßnahmen an der Gebäudestatik und der Wiederherstellung des Dachs begann die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (STSG) mit dem Teilausbau des Hauptgebäudes. Grundlage war ein Ideenwettbewerb zum architektonischen und denkmalpflegerischen Umgang mit dem geschundenen Gebäude. Ein Weimarer Architekturbüro konnte mit seinem Konzept der Spuren- und Zeitenlese überzeugen.
Das Raumvolumen des Emporensaals entstand durch die Umbauarbeiten der 1940er Jahre. Ehemals lagen an seiner Stelle acht Räume auf zwei Etagen, deren Zwischenwände und Decken herausgebrochen wurden. Die Abbruchspuren und Kanten wurden bei der Sanierung bewahrt. Die Holzträger unterhalb der Stuckfragmente an der Decke gehören zu den Notsicherungen von 1942.
Foto: IBA Thüringen, Thomas MüllerBis 2019 wurde zunächst ein neuer nördlicher Gebäudeabschluss mit Treppenhaus geschaffen. Bei den gravierenden Umbauarbeiten der 1940er Jahre waren auch alle Treppen im Hauptgebäude abgerissen worden. Gefördert mit Mitteln aus dem Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus wurde der nördliche Bereich des Hauptgebäudes dann im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen bis 2021 wieder nutzbar gemacht – der ehemalige Hauptsaal des Schlosses, der Ahnensaal, und der Emporensaal sind seither als erste Räume wieder zugänglich.
Empfang mit Geschichte
Das Sonderinvestitionsprogramm I der STSG, finanziert durch Bund und Land, machte es möglich, im Hauptgebäude von Schloss Schwarzburg einen weiteren Sanierungsabschnitt umzusetzen.


Ab Sommer 2026 ist das Hauptgebäude erstmals wieder durch den historischen Eingang über den Portikus der Hauptfassade zugänglich. Im Erdgeschoss wird wichtige Infrastruktur mit einem neuen Empfangsbereich und Sanitäranlagen geschaffen.
Durch die gravierenden Eingriffe in den 1940er Jahren entstanden auch im Erdgeschoss des Hauptgebäudes neue Raumstrukturen, deren Dimensionen ebenso wie die an den Wänden ablesbaren Spuren der Entkernungs- und Umbauarbeiten unter den Nationalsozialisten als Zeitspuren erhalten bleiben.
Foto: STSG, André KranertNachhaltiges Bauen
Bei der Sanierung spielen auch erneuerbare Energien und das zirkuläre Bauen eine Rolle. Nicht nur die Wände haben wechselvolle Zeiten erlebt, deren Spuren – von den Wandfassungen der fürstlichen Räume über Einschreibungen aus den 1950er Jahren bis hin zu Spuren der Entkernungsarbeiten aus den 1940er Jahren – natürlich auch in diesem Sanierungsbereich bewahrt werden. Aber auch der neue Thekenbereich hat eine Vorgeschichte. Seine Verkleidung besteht aus Recyclingmaterial von einem ehemaligen Pavillon der Bauhaus-Universität Weimar.



Weiterer wichtiger Projektbestandteil ist die barrierearme Erschließung des Hauptgebäudes. Ein bereits 2018 vorgerichteter Aufzugschacht im nördlichen Treppenhaus erhält im SIP I einen Aufzug, um die geballte Schlossgeschichte auf drei Etagen für alle zu erschließen. Denn auch in Sachen Vermittlung ist im Hauptgebäude von Schloss Schwarzburg einiges in Fahrt. Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Nutzung als außerschulischer Lernort.
Anke Pennekamp